Nicht leicht hatte es das Virtuosen-Trio in den frühen Achtzigern: Viele Anhänger wollten nicht verzeihen, dass Rush nach dem Übergangswerk Moving Pictures mit Signals dem Prog-Rock ihrer frühen Tage noch stärker abgeschworen hatten. Lange hat es gedauert, bis ein Werk wie Grace Under Pressure seine Rehabilitierung erfuhr. Unverständlich, denn der leicht artifizielle und auf Synthesizern basierende Sound unterstreicht perfekt den lyrischen Ansatz der Songs. Nirgendwo wird das deutlicher als im alarmierenden Einstieg ›Distant Early Morning‹, dem kühl marschierenden ›Red Sector A‹, das nur wenige Worte benötigt, um das Grauen des Zweiten Weltkriegs deutlich zu machen, oder dem nachdenklichen ›Afterimage‹, das sich mit existenziellen Fragen beschäftigt und nach dem Ableben von Schlagzeuger Neil Peart oft zitiert wird.
Ansonsten spielen Rush im naiven Rocker ›Kid Gloves‹ auch gekonnt ironisch mit ihrem elitären Ruf, während Peart neuartige technische Möglichkeiten in ›Red Senses‹ zu seinem Vorteil zu nutzen weiß oder in ›The Body Electric‹ mit einem unnatürlich anmutenden Rhythmusgeflecht experimentiert. Dass Rush auch den Anschluss an die zeitgenössische Musik-Szene nicht verlieren wollten, offenbart das an The Police erinnernde ›The Enemy Within‹. Ein Wiederentdecken des verkannten Klassikers ermöglichen jetzt eine gewohnt hohe Anzahl neuer Mixe; die Deluxe-Edition der Platte enthält zudem einen Komplettmitschnitt einer Show aus den Maple Leaf Gardens, Toronto, vom September 1984.
Album: 9,5








