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Jayler

Hier gibt’s keine Perücken

Jayler gelten als das nächste große Ding nach Greta Van Fleet. Auf ihrem Debütalbum Voices Unheard wie auch im Umgang mit Anfeindungen begegnen die blutjungen Briten sämtlichen Vergleichen mit Led Zeppelin selbstbewusst und mit unerschütterlicher Zuversicht.

TEXT: JACQUELINE FLOSSMANN |FOTO: Andy Ford

Auf der Bühne steht ein junger Mann mit blonder Löwenmähne. Er trägt Schlaghosen, einen auffallenden Gürtel, sein Oberkörper wird nur von einer Hippie-Weste bedeckt. Er öffnet seinen Mund und heult selbstbewusst „Lovemaker, Heartbreaker!“ ins Mikro. Nein, wir befinden uns nicht im Madison Square Garden, wo 1973 The Song Remains The Same mitgeschnitten wurde, sondern im Jahr 2026. Der Mann auf der Bühne heißt auch nicht Robert Plant, sondern James Bartholomew und ist Frontmann der Band Jayler. Mussten sich die Amerikaner Greta Van Fleet schon mit zahlreichen Led Zeppelin-Vergleichen auseinandersetzen, dürften Jayler diesbezüglich noch deutlich stärker polarisieren.

Die Band, die Bartholomew und Gitarrist Tyler Arrowsmith zusammen mit Bassist Ricky Hodgkiss und Drummer Ed Evans — allesamt gerade mal um die 20 — aus der Taufe gehoben haben, kann so ziemlich alles vorweisen, was eine ordentliche Classic-Rock-Band braucht: die Kraft des Rock’n’Roll, die Melancholie des Blues, die Verspieltheit des Folk, das Epische des Prog, dazu eine markante Stimme, die sich gegen diesen Klangzirkus durchzusetzen vermag. So weit, so gut. Doch James Bartholomew erinnert eben vor allem durch seinen deutlich inspirierten Stil und Bühnenhabitus stark an den Golden God.



»Wenn du einen Kuchen zweimal mit denselben Zutaten backst, dann bekommst du mehr oder weniger den gleichen Kuchen. Ich bin aus den Midlands, wir sprechen gleich, wir haben ähnliche Inspirationen. Meine wichtigsten Einflüsse sind Soulsängerinnen wie Aretha Franklin, Tina Turner — diese hohen, kraftvollen Stimmen, das Gospelfeeling. Ich könnte versuchen, anders zu singen, aber das wäre nicht Jayler«, begegnet Bartholomew den „Plantiatsvorwürfen“ selbstbewusst. »Wenn ihr uns mit Led Zeppelin vergleichen wollt: Danke. Sie waren die großartigste Band der Siebziger. Zu sagen, dass wir sie nachmachen? Davon bin ich kein Fan, weil wir verschiedene Einflüsse, wie etwa John Denver, haben. Wenn man das Album richtig anhört, merkt man das auch schnell. Aber sie schießen sofort mit Led Zeppelin, weil ich Schlaghosen und blonde Locken trage.«

Jayler polarisieren, scharen bereits nach kurzer Zeit eine große Fanbasis um sich, rufen andererseits auch viele Kritiker auf den Plan, gerade jetzt, da ihr Debütalbum Voices Unheard veröffentlicht wurde. »Die schlechtgelaunten alten Männer, die vorher gejammert haben „Wo ist die echte Rockmusik?“, schreien nun „Abklatsch!“ Jetzt, wo wir ihnen echte Rockmusik geben, finden sie es eklig«, sinniert der Frontmann. Schon eigentümlich, dieses Aufeinanderprallen von Welten. Die Retro-Liebe auf der einen Seite, die moderne Social-Media-Welt auf der anderen. Sein Kollege Tyler Arrowsmith ergänzt schelmisch grinsend: »Den meisten unserer Videos wird mit Hass begegnet, dann greift unsere Fanbase ein und weist die Hater in die Schranken. Ich amüsiere mich darüber, denn diese Menschen helfen uns mit dem Algorithmus, sie pushen uns. Also danke an alle Hater!«

Bartholomew ergänzt: »Es gibt Leute, die behaupten, wir trügen Perücken. Hier gibt’s keine Perücken, das ist alles natürlich! Heutzutage können wir darüber nur lachen. Wenn irgendjemand meine Gefühle hätte verletzen wollen, hätte er das vor drei Jahren versuchen sollen.« Oder besser noch ein bisschen früher, als die zwei ihre Karriere starteten. Beide stammen aus musikalischen Haushalten, Bartholomews Großmutter zeigte James wie man Platten auflegt und er wurde großer Fan von John Denver. »Ich wusste bis dahin nicht, dass Musik so süß und unschuldig klingen kann. Ich tauchte komplett in diese Western-Folk-Welt ein«, erinnert er sich an seine musikalische Sozialisierung.



Arrowsmith hingegen stammt aus einer Hardrock-Familie: »Mein erstes Konzert war AC/DC in Wembley als ich neun war. Das hat mein Leben verändert. Von da an war in Stein gemeißelt, dass das die Musik ist, die ich liebe, die ich höre, die ich selbst machen will.« Und so geschah es wenig später auch, als die beiden sich bei einem Open-Mic-Event in ihrer Heimat, rund um Birmingham, trafen und es zwischen ihnen sofort klickte. Während die zwei Musiker heute von ihren Jugendzimmern aus Interviews mit großen Rockmagazinen führen, erinnern sie sich an diese Zeiten zurück: »Ich dachte eigentlich, es gibt da draußen niemanden, der so denkt wie ich. Ich hätte niemals gedacht, jemanden wie James zu treffen. Wir spielten ein paar Rocknummern und von da an eskalierte alles ziemlich schnell.« Das knappe Fazit des Sängers mutet fast schon romantisch an: »Seelenverwandtschaft.«

Von da an geschah alles wie im Schnelldurchlauf. Zumindest in der Außenperspektive. Die Entwicklung von Look, Sound und Attitüde, der Erfolg, die großen Shows wie etwa im April beim Monsters Of Rock in São Paulo, die auf das Debütalbum Voices Unheard hinfiebernde Fangemeinde, nachdem das Video zu ›Need Your Love‹ bereits die Millionen-Marke bei Youtube geknackt hatte. Im Innern waren jedoch diverse Hürden zu überwinden. »Wir mussten ein paar Frösche küssen. Wir waren so jung, wir sahen so leicht zu manipulieren aus. Es gab viele Menschen, die uns ändern wollten.«

Dies führte zu einer vorangegangenen Albumaufnahme, mit der Jayler mehr als unzufrieden waren. Die neue Version von Voices Unheard, wie sie sie nun mit Produzent George Perks erschaffen haben, entspricht hingegen der Vision des Quartetts. »Es ging nur um uns vier. Darum, den Sound zu finden, den wir wollten. Der Vibe war total oldschool, wie es all die Großen gemacht haben: Wir schliefen im Studio, waren mit dem Kopf total drin«, erklärt der Gitarrist, während der Sänger verträumt sein güldnes Haar kämmt. Man kann an dieser Stelle ein wohlwollendes Schmunzeln nicht ganz unterdrücken…



Die Songs auf Voices Unheard entstanden intuitiv und organisch, mal in Bartholomews Schlafzimmer wie ›Lovemaker‹, mal als Reaktion auf einen großen Herzschmerz wie beim sanften ›Bittersweet‹, manche Teile wie in ›Down Below‹ entwickelten sich während Live-Jams auf der Bühne oder im Proberaum. Jayler gehen mit dem Flow, schreiben konstant an Songs, aktuell bereits an Album Nummer drei.

»Nach der EP hatten wir drei Jahre, um wirklich an uns zu arbeiten, um unser Handwerk zu lernen. Wir haben in dieser Zeit vierzig bis fünfzig Songs geschrieben. Wir sind gerade an unserem dritten Album dran. Das zweite ist fertig und wir sind wirklich zufrieden damit«, so Bartholomew zuversichtlich. Warum Jayler gerade einen Hype erfahren? Weil die Songs catchy sind. Weil sie gut klingen und die Musiker cool aussehen. Weil sie eine Antithese zu all dem formulieren, verkörpern, was der Musik im digitalen Raum gerade zustößt.

»Vielleicht ist es der Realismus, den wir in die Musikindustrie bringen. Viele Bands spielen heute mit Klick, mit Backingtracks. Die Echtheit von Jayler macht uns zugänglich. Klar, wir sind schon recht gut in dem, was wir tun. Aber ich treffe mal einen Ton nicht, Tyler vergeigt mal ein Solo, Ed verkackt einen Fill, Ricky versagt sowieso immer am Bass«, bilanziert der Frontmann lachend. Und Arrowsmith meint: »Wir sind halt echte Menschen. Vier Typen, die miteinander spielen. Wir wollen uns nicht selbst betrügen, sondern wir selbst sein. Keine Maske, keine Retusche.« Und keine Perücken. Dass das ein für alle Mal klar ist!


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