Nektar

Schlaglicht auf... "Down To Earth" (1975)

Vier LPs benötigen Nektar, um ihren psychedelischen Jam- und Progressive-Rock zur Kunstfertigkeit zu bringen. Mit dem stark produzierten Zirkus-Konzept Down To Earth gönnen sie sich Mitte der Siebziger einen Bruch — und bleiben doch sie selbst.

TEXT: DANIEL BÖHM

Mit ihrem frei zwischen Psychedelic-, Progressive- und Jam-Rock oszillierenden Sound machen sich Nektar im Deutschland der frühen Siebziger viele Freunde. Sie sind eine Obskurität: Denn obwohl die 1969 in Hamburg gegründete Gruppe zweifellos ihren Platz in der Geschichte des Krautrock hat, sind Roye Albrighton (Gitarre, Gesang), Derek „Mo“ Moore (Bass), Alan „Taff“ Freeman (Orgel) und Ron Howden (Schlagzeug) allesamt ins Exil geflüchtete Engländer. »Es war etwas seltsam, als englische Band in Deutschland zu leben«, lacht Moore. »Aber es hat uns gefallen. Das Leben war günstiger als zu Hause — und die Musik-Szene war toll. Musikalisch hat sich so viel entwickelt, da wurde so viel ausprobiert. Die Leute in Deutschland waren offener dafür als anderswo.«

Ihre erste LP erscheint 1971: Journey To The Centre Of The Eye ist ein narratives Psychedelic-Prog-Rock-Opus mit raffinierten Übergängen und langen Jams, in denen die frühen Pink Floyd nachzuhallen scheinen. Musikalisch folgt das Album der Geschichte, die auf ihm erzählt wird: Kurz vor dem Ausbruch eines Atomkriegs verlässt ein Astronaut die Erde, trifft auf seiner Reise in fremde Galaxien auf extraterrestrische Mächte und wird Zeuge der atomaren Zerstörung seines Heimatplaneten.

Albrightons Gitarrenspiel lässt die exaltierte Wildheit von Jimi Hendrix anklingen; ihm entgegen wirken Alan Freemans unverzerrte Orgel und das klangmalerisch eingesetzte Mellotron. Nektar beginnen, ihren Sound zu visualisieren: Mick Brockett stößt zu dem Ensemble, der sich auf Tournee um nichts anderes kümmert als um großflächige Farb- und spacige Musterprojektionen.



»Wir haben mit Nektar gleichermaßen Musik- wie auch Lichttheater gemacht«, erklärt Moore. »Die Musik wurde von der Lichtshow verstärkt und mitgetragen — die Effekte und Projektionen haben Geschichten erzählt wie die Musik selbst.«

Strukturierter wirkt A Tab In The Ocean (1972), für das Nektar die Nebelschwaden etwas abziehen lassen. Ihre psychedelischen Prog-Jams fusionieren sie nun mit Orgel-Hardrock zu einem Sound, der härter und zupackender gerät — und 1984 Iron Maiden dazu veranlassen wird, eine Adaption von ›King Of Twilight‹ auf der Single-Rückseite von ›Aces High‹ zu platzieren.

Noch während Produzent Dieter Dierks mit der Abmischung beschäftigt ist, schneidet die Band eine Live-Session mit, die 1973 als Doppelalbum erscheint. »Sounds Like This ist eine Roh-Version von Nektar«, erzählte der 2016 verstorbene Albrighton über diese harte Heavy-Rock-Platte, auf der Nektar zwischen Uriah Heep, Humble Pie und Procol Harum umherlärmen.



»Wir haben es nicht als Album aufgenommen, sondern als Studio-Konzert. Im Vergleich zu richtigen Shows ist aber kaum etwas improvisiert. Das war eine ganz andere Geschichte als auf der Konzertbühne, weil wir da nach den ersten zehn Minuten gespürt haben, was die Leute mochten und was nicht. Wenn sie ausufernde Soli wollten, haben wir sie ihnen gegeben, und wenn sie tanzen wollten, wurde es grooviger.«

Ihre vierte Platte wird zur Antithese dieses Exkurses: Das Konzept-Werk über den blauhäutigen und geflügelten Außerirdischen Bluebird, der mit einem blinden Erdenjungen kommuniziert, hat 1973 nicht zuletzt aufgrund der stärkeren Betonung von Orgel und Klavier einen starken Hang zum symphonischen Prog. Melodisch zugänglicher als A Tab In The Ocean, brachte Remember The Future den Durchbruch in den USA.

»An dieser Platte werden Nektar wohl bis in alle Ewigkeit gemessen werden«, vermutete Albrighton. »Aber es ist eben auch ein besonderes Album, weil wir darauf unsere Eigenständigkeit unter Beweis gestellt haben. Damals sind Progressive-Bands immer mit Yes, Genesis, Gentle Giant oder Pink Floyd verglichen worden. Das hat bei Remember The Future nicht funktioniert.«



In Frank Zappa finden sie einen begeisterten Fürsprecher, der sie im Vorprogramm der Mothers Of Invention mit auf Tournee durch Europa nimmt. Und als Remember The Future in den US-Billboard-Charts die Top 20 hinaufklettert, kann niemand mehr behaupten, Nektar seien lediglich eine britische Krautrock-Truppe aus der deutschen Provinz.

Darauf aufbauen sollen sie, so der Wunsch ihrer Plattenfirma, mit einem leicht zugänglichen Album ohne Space-Geschichten. Down To Earth nennen Nektar ihr Konzept-Album über einen Zirkus augenzwinkernd, an dem sich bis heute die Fan-Geister scheiden. Dabei hat es so viel mehr zu bieten als das mit drei Minuten erschütternd knappe ›Astral Man‹, das zu Beginn in das Zirkusthema einführt. ›Nelly The Elephant‹ (mit Hawkwinds Robert Calvert als Zirkusdirektor) entwickelt sich mit Bläserschüben zu einem schwer wogenden Song zwischen Zappa und Motorpsycho.



Das wunderschöne ›Early Morning Clown‹ scheint Yes mit Ayreon und CSN&Y zu verbinden, auch ›That’s Life‹ steckt voller Bezüge zu den Prog-Gouverneuren um Steve Howe, Chris Squire und Rick Wakeman bei Yes. ›Fidgety Queen‹ ist ein infektiöser Jam- und Heavy-Rock-Groover mit Bläserarrangements und Zappa-Jazzrock-Schlag, ehe das funkige ›Oh Willie‹ schließlich doch noch das Psychedelic-Element durchschimmern lässt und ›Show Me The Way‹ in der zweiten Hälfte erst seinen Zauber und dann seine ganze Kraft entfaltet, die in ›Finale‹ mündet, das mit dem Groove-Motiv von ›Nelly The Elephant‹ zu Ende geht. Down To Earth (1974) steigt in den US-Charts auf Rang 32.

Ein Jahr später korrigieren Nektar ihren Kurs: In Recycled entsteht ein im wonnigen Ultra-Prog badendes Meisterwerk mit Umwelt-Konzept.



Dieser Text stammt aus ►ROCKS Nr. 84 (05/2021).

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