Wenngleich die einst mit Spock’s Beard bekannt gewordene Prog-Koryphäe zuletzt auch ohne seinen langjährigen Partner durchaus achtbare Album-Resultate erzielte: Die große Zauberkraft der Neal Morse Band konnte er mit Spielwiesen wie Neal Morse & The Resonance oder Cosmic Cathedral kaum entfachen. Dass Morse nun die Rückkehr von Mike Portnoy ungewohnt sachlich kommentiert, hat einen banalen Grund: Der Trommel-Titan hatte die Möglichkeit eines weiteren gemeinsamen Albums schon während der laufenden Dream Theater-Tour mit Morse diskutiert, diesen aber zur Verschwiegenheit verdonnert.
»Wer mich kennt, weiß, wie schwer es mir fällt, ein anvertrautes Geheimnis für mich zu behalten«, lacht der Morse. »Ich hätte es am liebsten in die ganze Welt hinausgeschrien. Aber es hätte ordentlichen Ärger gegeben, wenn ich auch nur ein Sterbenswörtchen hätte verlauten lassen.« Die Option, die Neal Morse Band gegebenenfalls mit einem anderen Taktgeber fortzuführen, habe er nie in ernsthaft Erwägung gezogen, stellt er klar. Zumindest nicht lange. »Mike ist ja nicht nur der Schlagzeuger, sondern auch als Komponist, Arrangeur und Sänger ungeheuer wichtig. Es gab eine Phase, in der ich mich tatsächlich mit dem Gedanken auseinandersetzen musste, dass es zu einem Wechsel kommen könnte. Aber das ist vom Tisch. Die Chemie in der Band würde sich viel zu sehr stark verändern.«
Und diese ganz spezielle Chemie unter den Bandmitgliedern ist auch auf L.I.F.T. wieder deutlich zu spüren, eine Scheibe, die unter grundlegend anderen Vorzeichen entstanden ist. »Wir hatten ja bei allen Alben meist nur wenige Tage zur Verfügung, aber diesmal fühlte ich auch einen ganz speziellen Druck, dieses Gefühl, wir müssen diese Platte jetzt machen, weil wir sonst vielleicht keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würden. Das war schon eine etwas andere Erfahrung. Und unter diesen Voraussetzungen verhöhnt dich dieses große leere Etwas auf deinem Schreibtisch, das mit Noten und Worten gefüllt werden will, noch ein bisschen mehr. Wir haben am ersten Tag ein paar lose Ideen ausgetauscht, wir haben am zweiten Tag ein paar lose Ideen ausgetauscht, so nach dem Motto, die Idee ist gut, lass sie uns ändern. Das kann dann schon mal kritisch werden.«
Wenn die kreative Ader nicht wie gewünscht sprudelt, greift Morse zu seinem persönlichen Allheilmittel: einem verbindlichen Albumkonzept. »Meine Gedanken kreisten um Schlagwörter wie ankommen, verzweifeln, suchen und leben, woraus dann später Lieder wie ›I Still Belong‹ oder ›Reaching‹ wurden, und ich begann, einen losen Zusammenhang herzustellen. Ich dachte an die spirituelle Reise eines Individuums und wie Gott es in seinem Glauben bestärkt, das Richtige zu tun und seinen Platz in der Welt zu finden«, erklärt der Musiker. »Es ist kein richtiges Konzept im eigentlichen Sinn, sondern eher ein verbindendes Element, aber es genügte, um die Ideen gerade so aus mir herausfließen zu lassen. Und im besten Falle hoffe ich natürlich, dass ich dem Hörer Anregungen für seine eigene spirituelle Reise liefern kann. Ich weiß nicht warum, aber irgendwie muss ich um ein Thema herum schreiben, und wenn ich das tue, ergeben sich meist auch brauchbare musikalische Impulse.«
An denen arbeitete die Equipe erstmals nicht in ihrem gewohnten Hauptquartier in Nashville, sondern im Heimstudio ihres Gitarristen Eric Gillette in Tulsa, Oklahoma. »Eric war gerade Vater geworden und wollte zu Hause bei seiner Familie bleiben. Für mich war das eine Gelegenheit, einmal außerhalb meines gewohnten familiären Umfelds zu arbeiten. Auch weil irgendwie alles Einfluss auf mein Tun zu haben scheint. Einmal erlebte ich ein fürchterliches Unwetter und ich setzte mich mitten in der Nacht mit meiner Gitarre auf den Balkon meines Hotels und fing an zu schreiben. Das hätte ich zu Hause in Nashville wahrscheinlich nicht getan«, berichtet Morse. »Bei Innocence And Danger entstanden die Songs in groben Skizzen im Proberaum und dann hat jeder seine Beiträge in seinem eigenen Heimstudio aufgenommen. Hier bin ich nun oft nachts um eins aufgestanden, habe versucht, einen Song grob auszuarbeiten, und mich dann nochmal für ein, zwei Stunden hingelegt. Und nach dem Frühstück haben wir uns dann alle den Entwurf vorgenommen. Manchmal kam etwas dabei heraus, manchmal nicht.«
Dennoch kommt bei der Produktion von L.I.F.T. die große Tafel, an der alle Beteiligten, zu denen auch Bassist Randy George und Keyboarder Bill Hubauer zählen, im Vorfeld ihre Ideen und musikalischen Roh-Entwürfe notieren, erstaunlicherweise so gut wie gar nicht zum Einsatz. »Die dient meist eh nur als Rettungsanker, aber in diesem Fall gingen wir ab einem bestimmten Punkt ganz unbefangen an die Sache heran. Wir jammten viel und es ergab sich ein musikalisches Thema nach dem anderen. Am Ende haben wir nur neun Tage bis zur Fertigstellung benötigt, obwohl die Platte beinahe aus dem Nichts entstanden ist. Und dann bleibt meist nur eine Sorge: Ähnelt die neue Scheibe aus irgendeinem Grund zu stark der letzten? Da L.I.F.T. aber einen sehr losen, spontanen Charakter hat, kann ich definitiv sagen, dass das nicht der Fall ist.«
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