Solange Paul McCartney neue Alben herausbringt, ist die Welt eine schönere. Auch The Boys From Dungeon Lane leistet dazu einen Beitrag — obgleich es als sentimentales und sehr persönliches Spätwerk etwas mehr grundsätzliche Zuneigung zum Künstler verlangt als die meisten seiner nach dem Jahrtausendwechsel veröffentlichten Platten. Nach dem farbenfrohen Egypt Station (2018) geriet bereits McCartney III (2020) zu einem stark reduzierten und in den (Rock-)Spitzen rohes Lo-Fi ansteuernden Spiel, das McCartney in seinem Studio selbst einspielte und auch produzierte. Zu behaupten, The Boys From Dungeon Lane verfolge denselben Ansatz, wäre genauso daneben gegriffen wie es den Charakter der Platte recht zutreffend beschreibt. Auch hier lässt Macca das große Bandbesteck liegen und macht weitgehend alles selbst.
Ermutigt hat ihn dazu Produzent Andrew Watt (Ozzy Osbourne, Rolling Stones, Pearl Jam, Lady Gaga), der die Aufnahmen seit 2021 in vielen kleinen Session-Etappen betreute und gelegentlich auch selbst zur Gitarre griff. Und doch scheinen viele der neuen Lieder in ihrem Wesen eben doch Egypt Station (das schmissige ›Ripples On A Pond‹ und die Psychedelic-Pop-Nummer ›Mountain Top‹ mitsamt Cembalo-Getacker) und andere Stationen im Schaffen des Beatle anzusteuern, die mit dem sehr besonderen Pandemiewerk wenig gemein haben. ›We Two‹ etwa haben die beiden spontan entstehen lassen, als McCartney dem 1990 geborenen Amerikaner die Vierspur-Bandmaschine zeigte, mit der die Beatles 1967 ›A Day In The Life‹ aufgenommen hatten. Das stoische Schlagzeug unter den markanten Gesangsmelodien des Refrains erinnert ein wenig an Jeff Lynne — die wenigen gestreuten Fills werfen Anker in vertraute Beatles- und Wings-Vorzeiten, die Mellotronstreicher sowieso. Auch in ›Lost Horizon‹ gibt es solche Drum-Momente, wobei hier rostig scheppernde Gitarren ordentlich mit Dreck um sich werfen, die auch mal an den späten Tom Petty erinnern.
›As You Lie There‹ steht als Lied in seiner ganzen Anmutung exakt zwischen den letzten beiden Macca-Alben und ist der Song, der The Boys From Dungeon Lane überhaupt erst ins Rollen brachte. Und wenn sich in dem aufbauenden ›Life Can Be Hard‹ Streicher, Kontrabass und Klarinette in das Zusammenspiel von Gitarre/Klavier einfügen, dann hat das zwangsläufig etwas von den Beatles und ihrer spätestens 1966 eingeleiteten Entdeckerphase. Es sind vornehmlich die ruhigeren Momente, in denen der 84-jährige McCartney sein Alter nicht verstecken kann und auch nicht will, was eine gute Note Demut in die Musik bringt, die zu dem textlichen Rahmen dieses Albums passt. Denn er schaut zurück auf seine Jugend in der Nachkriegszeit und sein Elternhaus, auf wichtige Begegnungen (›Down South‹ handelt von einem Tramp-Abenteuer mit George Harrison im Jahr 1958, ›Ripples On A Pond‹ von seiner Frau Nancy) und den Lauf seines Lebens — ›Home To Us‹ ist ein Duett mit Ringo Starr.
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