Alice Cooper, Michael Monroe

Alice im Burgenland

Auch nach 54 Jahren in der Rolle des Alice Cooper macht Vincent Furnier keine Anstalten, es ruhig angehen zu lassen. Er hat auch keinen Grund dazu: Rein optisch scheint er seine Lebensrolle des kurz vor dem Wahnsinn stehenden Gentleman immer glaubhafter auszufüllen — und mit ihm ist auch seine Stimme in Würde gealtert.

TEXT: MAXIMILIAN BLOM |FOTO: André Wilms

Letzteres trifft auch auf Michael Monroe zu, der sein Idol auf der Tournee mit seiner exzellenten Band als Vorgruppe begleitet und mit seinem einzigartigen Sound zwischen Hardrock, Sleaze- und Punkrock bestens in Programm passt. Dass der einstige Frontman von Hanoi Rocks in der Vorwoche seinen 60. Geburtstag begangen hat, lässt sein energiegeladener Auftritt kaum vermuten.

Ohne Unterlass jagt und hibbelt der Finne über die Bühne, stellt sich wahlweise auf Bass- und Monitorboxen oder sucht am vorderen Wellenbrecher den direkten Kontakt zum Publikum, dem er offenbar nur bedingt ein Begriff ist. Verwunderlich, dass der Lichttechniker erst nach gut der Hälfte des Auftrittes auf die Idee kommt, einen Verfolger einzusetzen, damit der Sänger nicht überwiegend im Halbdunkel agieren muss.

Großen Respekt verdient zudem die Bühnencrew, die schwer damit beschäftig ist, sein Mikrofonkabel zu entwirren, Mikrofonständer oder sonstige in der Hitze des Showgefechts versehentlich umgeworfenen Gegenstände schnell wieder aufzurichten.


Die Setliste von Michael Monroe:

One Man Gang
I Live Too Fast To Die Young
Last Train To Tokyo
Murder The Summer Of Love
Trick Of The Wrist
’78
Ballad Of The Lower East Side
Nothin’s Alright
Malibu Beach Nightmare
Motorvatin’
Up Around The Bend
Dead, Jail Or Rock’n’Roll


Sollte nach diesem Auftritt noch irgendwer im Publikum keine Konzertlaune verspüren, so richtet das der vierzehn Jahre ältere Chef anschließend selbst: Schon das eröffnende ›Feed My Frankenstein‹ (an vierter Stelle folgt im Titelstück noch eine zweite Nummer des wunderbaren Hey Stoopid, 1991) versetzt die gut gefüllte, teilbestuhlte Halle in Begeisterung, direkt danach lassen auch ›No More Mr. Nice Guy‹ (Billion Dollar Babies, 1973), ›Bed Of Nails‹ (Trash, 1989) nichts anbrennen.

Letzteres ist im Vergleich zur letzten Deutschland-Rundreise wieder ins Programm gerutscht, ansonsten ähnelt vieles der Ol’ Black Eyes Is Back-Tournee des Jahres 2019: Das Spukschloss und die großen Kronleuchter als theatertaugliche Bühnenkulisse genauso wie ein substanzieller Teil des Programms. Neu sind die Killer-Nummer ›Be My Lover‹ (Killer, 1971) und ›Go To Hell‹ (Alice Cooper Goes To Hell, 1976), das er erstmals seit 2016 wieder live präsentiert. Von Detroit Stories, das der Detroit Muscle: Live Tour ihren Namen gab, ist indes nur ›Go Man Go‹ dabei.

Der Maestro selbst wirkt wie ein Zirkusdirektor, der voller Charisma durch die theatralische Show führt. Die Artisten sind seine agilen Bandmusiker und speziell das Dreiergespann der Gitarristen Tommy Henriksen, Ryan Roxie sowie an vorderster Front und auf höchster Zinne Nita Strauss, die besonders das Tripple ›Devil’s Food‹, ›Black Widow Jam‹ und ›Steven‹ überaus dramatisch zu veredeln wissen.

In Frankfurt ahnt noch niemand, dass dies nach acht Jahren der festen Ensemblezugehörigkeit die letzten Konzerte der virtuosen Gitarristen in der Band von Alice Cooper sein werden: Inzwischen hat sich die Amerikanerin der Begleitband von Demi Lavato angeschlossen.

Hinzu gesellen sich allerhand Statisten und Showelemente, die zumindest zum Teil neu gestaltet wurden. So läuft während ›Feed My Frankenstein‹ und ›Teenage Frankenstein‹ eine überlebensgroße Zombie-Cooper-Figur über die Bühne, während bei ›Billion Dollar Babies‹ ein aufblasbares Riesenbaby aus dem Schloss flieht, das Cooper mit einem Degen zum Platzen bringt; wie erwartet macht später während ›Dead Babies‹ die Guillotine seinem Leben ein Ende.

Davon ist zumindest im Stehbereich kaum etwas zu sehen, da etliche Handybildschirme den Blick versperren. Der einzige Bühnentod ist dies aber nicht: Einer Selfies machenden Statistin wird bei ›He’s Back (The Man Behind The Mask)‹ (Constrictor, 1986) von der Filmfigur Jason Voorhees die Kehle durchgeschnitten, bevor der Charakter aus dem Streifen Freitag der 13. vom Coop mit strengem Blick verjagt wird.


Die Setliste von Alice Cooper:

Feed My Frankenstein
No More Mr. Nice Guy
Bed Of Nails
Hey Stoopid
Fallen In Love
Be My Lover
Go Man Go
Under My Wheels
He’s Back (The Man Behind The Mask)
Go To Hell
I’m Eighteen
Poison
Billion Dollar Babies
Roses On White Lace
My Stars
Devil’s Food
Black Widow Jam
Steven
Dead Babies
I Love The Dead
Escape
Teenage Frankenstein
-
School’s Out


Dieser Text stammt aus ROCKS Nr. 90 (05/2022).


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