Gerade erst hat der Hahn gekräht in Nashville, Tennessee, da sitzt der 37-jährige Jared James Nichols bereits frisch geduscht und gut gelaunt auf seiner Veranda und legt einen beachtlichen Redefluss an den jungen Tag. Über sein aktuelles Album Louder Than Fate zu sprechen, ist für Jared James Nichols kein notwendiges Übel: Er brennt lichterloh für das, was er tut und strahlt dies in einer überaus sympathischen und freundlichen Art auch aus.
»Ich bin davon überzeugt, in künstlerischer Hinsicht einen großen Schritt voran gekommen zu sein«, lächelt der in Waukesha, Wisconsin geborenen Musiker. Louder Than Fate ist die vierte Platte des 1989 geborenen Gitarristen, für die er sich auf die Jagd nach kompositorischer Finesse für seine Songs begab. Und auf die Suche nach einer Balance von Muskel- und Melodiespiel, die sich auf seinen vorherigen Alben nur bedingt zufriedenstellend einstellen wollte. Den Blick auf seine Musik verändert hatten nicht zuletzt die Konzerte der Winery Dogs (2023) und von Mr. Big (2024), die ihn auf ihren Tourneen durch Europa mitnahmen und Zugang zu einer Klientel ermöglichten, vor der er sich mit seinem Ensemble beweisen musste.
»Auf meinen bisherigen Platten ging es mir vor allem darum, Energie freizusetzen. Es musste rappeln im Karton — und alles drehte sich um die Gitarre. Diesen Ansatz hatte ich schon für mein letztes Album dezent aufzubrechen versucht, aber erst diesmal sehe ich wirklich gute Lieder. Ich liebe es, mich auf der Bühne von Riffs tragen zu lassen und impulsive Soli zu spielen — ich bin Gitarren-Freak. Aber abgesehen davon, dass meine Konzerte allen Spaß machen sollen, sind die Herausforderungen eines Albums eben andere. Meine Herangehensweise hat sich geändert. Ich habe immer wieder meinen Kopf und mein Herz befragt, was dieser eine Song wirklich braucht, an dem ich gerade schreibe. Früher drehte sich alles nur um Riffs und Soli. Auch auf diesem Album ist die Gitarre eine enorme Kraftquelle, aber sie ist eben nur noch ein Teil des großen Ganzen. Tatsächlich sind erst die Songs entstanden und erst dann kamen die Überlegungen, was die Gitarren so anstellen und welche Farben sie in das jeweilige Bild einbringen könnten. Ich habe offenbar gerade erst angefangen, tief in mir schlummernde Talente zu entdecken«, lacht der Musiker. »Auf jeden Fall werde ich nicht nachlassen, weiter an mir zu arbeiten und besser zu werden!«
Sukzessive hat er sich in den vergangenen Jahren mit Old Glory And The Wild Revival (2015), Black Magic (2017) und Jared James Nichols (2023) auf ein Spielfeld vorgearbeitet, auf dem knorrige Blues- und Heavy-Riffs weiterhin den Grundton angeben, das nun aber von Hardrock, Southern- und melodiestarkem Classic-Rock eingegrenzt wird. Louder Than Fate ist sein bislang fraglos stärkstes und bei aller nach wie vor vorhandenen Riff-Wucht filigranstes Album, an dem der Gitarrist nicht alleine gearbeitet hat. In der Musiker-Hochburg Nashville könne man neuen Inspirationen »beim besten Willen nicht aus dem Weg gehen«, konstatiert Nichols. Und die bekam der bekennende Mountain- und Leslie West-Verehrer nicht zuletzt auch von einigen Freunden aus der Nachbarschaft. Auch ›Ghost‹ sei so entstanden — der erste Song, der Louder Than Fate ins Rollen brachte.
»An jenem Tag war ich an sich nur auf einen Sprung bei Tyler Bryant, mit dem ich gut befreundet bin. Aus einem losen Jam entwickelte sich dann sehr schnell das Grundgerüst von ›Ghost‹. Auf ähnliche Weise ist ›Runnin’ Hot‹ entstanden, das ich mit Tuk Smith komponiert habe, an anderen Dingen ist Richie Faulkner von Judas Priest beteiligt, für dessen Zweitband Elegant Weapons ich zuletzt einige Gitarren-Passagen eingespielt habe. Ich kenne diese Jungs seit einer gefühlten Ewigkeit, mit Tyler hing ich bereits ab, als wir beide 17 Jahre alt waren. Genau das macht den besonderen Reiz an diesen Beziehungen aus: Wir verbringen unsere Freizeit zusammen, gehen schwimmen oder spielen ’ne Runde Billard und haben danach Bock auf Musik. Da passiert vieles spontan, nichts wird vorher geplant. Nichts fühlt sich nach Arbeit an, keiner muss sich verstellen — das macht einfach Spaß!«
Als sich das Stück ›Killing Time‹ im Laufe seiner Entstehung von einem Midtempo-Stampfer mit latentem Bad Company-Flair zu einer fragilen Ballade mit Streicherpassagen entwickelte, überkam den Vollblutmusiker plötzlich die Angst vor der eigenen Courage. »Ich war mir auf einmal nicht mehr sicher, ob ich mich damit nicht ein bisschen zu weit aus dem Fenster lehne«, resümiert er. »Erst als ich Lzzy Hale den Song vorspielte und ihre Reaktion sah, wusste ich, dass ich auf dem richtigen Pfad war.«
Die Frontfrau von Halestorm lebt unweit von Nichols Domizil, der Gitarrist ist des Öfteren Gast in ihrem Haus. »Lzzy dachte zunächst, dass die Nummer irgendwann explodiert und in rauflustiger Manier enden würde. Dass genau das nicht eintrat und ich eben nicht den vorhersehbaren, von mir erwartbaren Weg eingeschlagen hatte, begeisterte sie. Lzzy war schon nach dem ersten Durchlauf komplett überzeugt von ›Killing Time‹ — und ich wieder beruhigt!«
Die Aufnahmen zu Louder Than Fate fanden in drei Etappen statt. Nämlich immer dann, wenn Nichols’ Touraktivitäten im vergangenen Jahr dies zuließen. Einige Stücke bannte sein von Bassist Brian Weaver und Schlagzeuger Ryan Rice komplettiertes Trio in Nashville auf Band, während ›Way Back‹ und ›Runnin’ Hot‹ im Studio der Band A Perfect Circle in Los Angeles Form annahmen. Der Hauptteil der vierten Nichols-Platte entstand indes unter der Ägide von Produzent Jay Ruston in Dave Grohls Studio 606. Jared James Nichols und Ruston hatten vor rund sechs Jahren erstmals zusammengearbeitet, um die Single ›Threw Me To The Wolves‹ aufzuzeichnen.
»Wir haben uns bereits davor gekannt, waren allerdings noch nicht gemeinsam im Studio gewesen«, holt der muskulöse Gitarrist aus, der sein Instrument am liebsten ohne Plektrum spielt. »Jay hat mit vielen, in sehr unterschiedlichen Genres angesiedelten Künstlern gearbeitet: Anthrax, Stone Sour, Uriah Heep, Black Star Riders, Amon Amarth. Das war der maßgebliche Grund, warum ich Louder Than Fate mit ihm aufnehmen wollte. Eddie Spear, mit dem wir den Vorgänger Jared James Nichols eingespielt hatten, ist ebenfalls ein großartiger Produzent. Aber die Arbeitsweisen der beiden unterscheiden sich grundlegend voneinander«, erklärt er.
»Während Eddie ein altgedienter Rabauke ist, dem das Einfangen einer überbordenden Energie am wichtigsten ist, geht Jay wesentlich mehr ins Detail und setzt auf moderne Technik. Und das habe ich für die neue Platte einfach gebraucht, weil die Songs facettenreicher und ein Stück weit zeitgemäßer sind. Jay hat mir bei den Aufnahmen oftmals vor Augen geführt, dass ich mich in meiner Komfortzone einigele und Ansätze, die in eine für mich neue Richtung tendierten, nur halbherzig verfolge. Er brachte immer mal wieder Vorschläge ein, auf die ich selbst nicht gekommen wäre, eben weil man mit der Zeit eingefahren ist in seinem Denken und Handeln. Jay Ruston hat in diesem ehrwürdigen Umfeld der Foo Fighters eine Menge dazu beigetragen, dass ich Louder Than Fate nun als gehörigen Schritt vorwärts bezeichnen kann. Zudem hat er ein Händchen dafür, die Wucht, die beispielsweise ein Stück wie ›Pretend‹ im Studio entwickelt hat, verlustfrei auf Tonträger abzubilden. Da bleibt kein noch so kleiner Funke unseres Feuers auf der Strecke, und das begeistert mich!«
Jared James Nichols ist ein wissbegieriger Musiker, der von Weggefährten gerne Ratschläge annimmt und von ihnen lernt. Das gilt für Studioaufenthalte, bei denen der Einsatz von KI für ihn ein absolutes Tabu ist, ebenso wie für Konzerte. »Ich hatte in den letzten paar Jahren die unfassbare Ehre, die Bühne mit Akteuren wie Mr. Big, Zakk Wylde, Living Colour, The Winery Dogs und zuletzt Michael Schenker teilen zu dürfen«, berichtet Nichols mit leuchtenden Augen.
»Und bei all diesen Künstlern habe ich gesehen, wie wichtig ihnen ein respektvoller Umgang mit ihrem Publikum ist. Immer und überall, unabhängig von den bespielten Räumlichkeiten und ihrer eigenen Tagesform. Selbst wenn einer der Musiker mal einen mentalen oder körperlichen Hänger hatte und sich tagsüber lieber in eine stille Ecke zurückzog, war er voller Elan zur Stelle, sobald das Saallicht erlosch. Ein vorbildliches Verhalten, an dem ich mich selbst kompromisslos orientieren werde. Denn wer wäre ich schon ohne die Menschen, die meine Musik hören möchten?«
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