Insgesamt neun Studio- und Live-Alben sowie eine EP gehen auf das Konto von Flying Circus, die 1990 in Grevenbroich gegründet und im Laufe der Jahre immer eigenständiger wurden. Ihren musikalischen Reiz beziehen Flying Circus heute nicht zuletzt aus völlig gegensätzlichen Vorlieben innerhalb des Ensembles: Während sich die Initiatoren Sänger Michael Dorp und Gitarrist Michael Rick gerne auf kräftigere Hardrock-Sounds der Siebziger berufen, pflegt vor allem Keyboarder und Violinist Rüdiger Blömer ungleich elitärere Vorlieben mit seinem Faible für Eddie Jobson, King Crimson und Gentle Giant. Prallen diese Welten in ihren Extremen aufeinander, lassen sich oft sehr reizvolle Resultate erzielen, erklärt Dorp enthusiastisch.
»Eines unserer neuen Stücke heißt ›A Sweet Thing Called Desire‹ und darin trifft ein eher rotziger, lässiger Riff auf eine schräge Taktfolge, ohne dass das den harmonischen Fluss des Liedes stören würde. Wir alle mögen Künstler wie Peter Gabriel, bei dem gerade die ein wenig abseitigen Ideen immer großen Pop-Appeal hatten. Ansonsten haben wir versucht, uns auf The Eternal Moment noch stärker von traditionellen Songstrukturen zu lösen und die Grenzen unseres Sounds weiter zu verschieben.«
Auch andere Limitierungen bereiten der Truppe nicht länger Kummer. Die Wahrung des Sicherheitsabstands, mit dem sie sich während der Entstehung des anspruchsvollen Konzept-Vorgängers 1968 noch während der Pandemie herumplagen mussten, empfindet das Sprachrohr der Band als ultimative Katastrophe für alle kreativen Geister. »Im Studio spielt ja auch die optische Komponente eine große Rolle. Es ist nicht das Gleiche, ob der Schlagzeuger vor dir sitzt und ordentlich auf sein Instrument einknüppelt, oder ob du sein Spiel am Bildschirm verfolgst. Das ist ja auch ein ganz anderes Energielevel. Wenn wir eine neue Platte angehen, bringt zwar jeder seine eigenen Ideen ein, aber danach haben wir stets gemeinsam an den Stücken gefeilt. Es ist immer beachtlich, wie sehr sich manchmal die Perspektiven ändern oder wie sehr sich ein Song in eine andere Richtung entwickeln kann.«
The Eternal Moment ist diese eher konventionelle Arbeitsweise deutlich anzumerken. Schon das Zusammenspiel der einzelnen Instrumente in der wendungsreichen Eröffnung ›A Talk With The Dead‹ weist auf eine interagierende Gemeinschaft hin, die es sich nicht nehmen lässt, bis zu einem gewissen Grad frei zu improvisieren. »Wir sind als Gemeinschaft in den letzten Jahren viel enger zusammengewachsen, aber den Charakter dieses Stückes hat zum großen Teil Rüdiger zu verantworten, der hier Geige und Keyboards sehr variabel eingesetzt hat. Und ja, wir stehen eben den Gründervätern dieser Musik sehr nahe, bei denen vieles sehr spontan oder durch Jams entstanden ist. Stücke wie ›Green‹ oder ›What Remains‹ waren ursprünglich im Kern sehr einfache Songs, die durch unerwartete Taktwechsel oder den Geigen-Einsatz von Rüdiger eine völlig andere Richtung einschlagen.«
Vorbilder wie Emerson, Lake & Palmer, King Crimson und besonders Gentle Giant sind in ihrem Sound dennoch stets präsent. Das verbirgt der Fünfer im fast mittelalterlich anmutenden Instrumental ›Pilikua Akahai‹ erst gar nicht, sondern nimmt sich augenzwinkernd selbst auf den Arm. Der Titel ist hawaiianisch, bedeutet auf Englisch Gentle Giant und wandelt besonders deutlich auf den Spuren der gleichlautenden Gruppe, während sich in Liedern wie ›The Time Machine‹ auch Anklänge an zeitgenössischere Progressive-Koryphäen wie Dream Theater oder Spock’s Beard nicht verleugnen lassen. Als reiner Nostalgie-Act verstehen sich Flying Circus aber keineswegs. Um einen zeitgemäßen Sound zu verwirklichen, erfüllen sich die Freunde einen Traum und nehmen The Eternal Moment abermals in den legendären Dierks-Studios in Pulheim auf, wo bereits 1968 entstanden ist. Auch geografisch keine ganz schlechte Wahl.
»Michael könnte da locker mit dem Fahrrad hinkommen«, lacht der Sänger. »Aber die Studios von Dieter Dierks spielten für uns schon in unserer Jugend eine große Rolle. Wir konnten oft kaum glauben, dass da Helden wie Rory Gallagher hier im Ort sein sollen, um eine neue Platte einzuspielen. Das war für uns eine Riesen-Sache. Davon abgesehen, bin ich glücklich, dass wir uns wieder dafür entschieden haben. Wir haben die Vorzüge des Studios viel bewusster genutzt und auch deshalb ist The Eternal Moment unser am besten klingendes Album geworden.«
Bis es zu diesem unbestrittenen Karriere-Highlight kommt, durchlebt die Band eine lange Phase der Selbstfindung, die Dorp nach den Alben Seasons (1997), Out Of The Waste Land (2000), Pomp (2004) und Forth (2010) endgültig abgeschlossen wähnt: Mit Einstieg des studierten Komponisten und Tonsetzers Rüdiger Blömer sowie des Schlagzeugers Ande Roderigo finden 2012 nicht nur neue Instrumentalisten in die Band, sondern auch ein neuer Anspruch. Auf Starlight Clearing (2016), das die fiktive Geschichte einer Band aus den sechziger Jahren erzählt, zeigen sich Flying Circus selbstbewusster und eigenständiger. Und nicht zuletzt spielwitziger, was sich 2020 auf dem spannenden 1968 weiter fortsetzt: Wiederum ein Konzept-Werk, das Schlüsselmomente dieses prägenden und enorm richtungsweisenden Umbruchjahres beleuchtet. Die aktuelle Scheibe The Eternal Moment hingegen verfolgt nicht nur musikalisch einen etwas anderen Ansatz.
»Wir versuchen immer auch, uns klanglich am textlichen Inhalt der jeweiligen Platte zu orientieren. Und der ist auf der neuen Scheibe nach dem Tode meiner Mutter entstanden und deshalb auch sehr persönlich gehalten. Ich habe mir viele Gedanken zum Thema Vergänglichkeit gemacht und wie sehr uns unser Gedächtnis einen Streich spielt, wenn es uns etwa prägende Ereignisse, und mögen sie auch noch so kurz gewesen sein, so gewichtig empfinden lässt. Genau deshalb erscheint der Albumtitel The Eternal Moment auch nur im ersten Moment paradox.«
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