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Jay Buchanan

Verletzliche Musik

Für sein Solo-Album begab sich Jay Buchanan in die Mojave Wüste. In der kargen Abgeschiedenheit fand der Frontmann der Rival Sons die Inspiration für Weapons Of Beauty, einer tief in der amerikanischen Musikkultur verwurzelten Singer-Songwriter-Platte.

TEXT: JACQUELINE FLOSSMANN |FOTO: Matthew Wignall

Die Wüste hat eine magische Anziehungskraft auf viele kreative Menschen. Ohne die Mojave-Wüste kein kauzig-geniales Werk von Captain Beefheart. Ohne Palm Desert keinen Stoner Rock. Gram Parsons wollte seine Asche im Joshua Tree National Park verstreut wissen, und Billy Gibbons erklärte einst: »An diesem Ort sind besondere magnetische Schwingungen, irgendwas, das man nicht beschreiben kann, obwohl man es ganz stark spürt.« Und auch für Jay Buchanan, Frontmann der Rival Sons, war die Einsamkeit der Mojave Wüste integraler Bestandteil des Schöpfungsprozesses seines Solo-Debüts. Weapons Of Beauty ist ein cinematisches und zutiefst in der amerikanischen Musikkultur verwurzeltes Singer-Songwriter-Album, das genauso entwaffnend schön ist, wie der Titel es vermuten lässt.

Schon seit seinem Einstieg bei den Rival Sons warten die Menschen aus seinem Umfeld auf sein erstes Solo-Album. Den entscheidenden Anstoß gab ihm seine Rolle in Scott Coopers aktuellem Springsteen-Film Deliver Me From Nowhere. »Das war wie ein Klopfen an der Tür. Nach dem Motto: „Hey, wirst du diese Solo-Platte noch machen? Warum nicht jetzt, wenn du durch den Streifen etwas Aufmerksamkeit auf deiner Seite hast?“ Außerdem wurde ich 50, das hat mich auch wachgerüttelt. Also habe ich mich einige Monate in die Wüste zurückgezogen und diese Lieder geschrieben«, so Buchanan. Der Musiker kennt das Wüstenleben aus seiner Kindheit und Jugend, ist vertraut mit der Energie und Kraft dieses Ortes. Die Stille und Isolation, in die er sich dort in einem Bunker begab, sollte ihm helfen, die verletzlichsten Lieder seiner bisherigen Karriere zutage zu fördern.



»Ich wollte Musik erschaffen, die Platz hat und atmen kann. Musik, die geduldig ist. Verletzliche Musik. Im Grunde bin ich ein Singer-Songwriter, der versehentlich in einer Rockband gelandet ist. Ich wollte mich auf das Schreiben konzentrieren und das ausgraben, was tief in mir verborgen lag. Es ist fast, als würde die Wüste einen Dämmerzustand in mir auslösen. Leergang. Sie spannt eine weiße Leinwand auf.«

Doch selbst für einen im Gespräch eher introvertiert und spirituell wirkenden Menschen wie Jay Buchanan hält eine solche Eremitage emotionale Hürden bereit. Sie konfrontierte ihn mit den eigenen Selbstzweifeln. Mit Gedankenkrisen, die jedoch auch als Motor der eigenen Entwicklung dienen können. Und einen vor Stagnation und Abstumpfung bewahren: »Die Stille wird erst einmal ohrenbetäubend. Es ist ja nicht so, dass ich mir in diesem Bunker dachte: Mein Gott, was bin ich genial!, und pausenlos geschrieben hätte«, gibt Buchanan ehrlich zu. »Das Schwierigste daran war das Gefühl, dass ich meine Zeit verschwende. Ich bin weg von meiner Familie, alleine in der Wüste, esse Dosensuppe, pisse und kacke in Erdlöcher. Wenn dann das Ergebnis auf sich warten lässt, kommt man sich zwischendurch vor wie ein Depp. Anfangs grub ich und grub ich und fand nichts. Der Wendepunkt im Schreibprozess war ›Deep Swimming‹.«

Der Song entstand, als Buchanan alte Kisten mit Andenken an seine Jugend — Fotos, Gedichte, Textzeilen — in einem Lagerfeuer verbrannte, statt in Nostalgie zu zergehen. »Danach fühlte ich mich besser, weil ich das Gefühl hatte, diese Dinge respektvoll bestattet zu haben. Das ältere Ich versöhnte sich mit dem jüngeren Ich. Am nächsten Tag brachte ich ›Deep Swimming‹ zustande. Alle Lyrics darin sind wie Schnappschüsse, als würde man Bilder anschauen. Ich habe diese Boxen in dem Lied konserviert und so verarbeitet, dass sie sich für mich wieder gesund anfühlten.«



Alle Songs auf Weapons Of Beauty sind besonders, mit dem Stück ›Sway‹ ist Jay Buchanan jedoch vielleicht eins der schönsten Liebeslieder aller Zeiten gelungen. »Wenn ich Liebe sage, meine ich eine Sache. Liebe als Haus. Wenn Liebe zur Sache wird, wenn ich Liebe habe, sie beschütze, hat das eine Reife inne. ›Sway‹ ist ein sehr geduldiger, langsamer Song. Es geht los mit den Worten „Have you seen“ und dann ist da erstmal 16 Sekunden nichts. Liebe sollte geduldig sein. Wenn du Liebe für jemanden hast, musst du ihn oder sie nach deren Bedingungen lieben, nicht nach deinen. Ich glaube nicht, dass ich jemals einen romantischeren Song schreiben werde«, sinniert der Musiker. Und illustriert dabei eine dieser schönen Waffen, die er im Titelstück ›Weapons Of Beauty‹ besingt und denen sein ganzes Album gewidmet ist.

»Es geht um die Dinge, mit denen du dich bewaffnest, um die Alltäglichkeit deiner eigenen Existenz auszuhalten. Um den Unglauben daran, dass Hoffnung, Romantik, Leidenschaft, Neugierde, Wissbegierde, Kreativität oder Kunst auslöschbar sind — das sind sie nicht! Diese Faktoren sterben nicht, außer du bringst sie um. Sie können nicht gestohlen werden, außer du gibst sie her. Es geht darum, alle diese Schönheit gegen die Dunkelheit und den Abgrund zu nutzen. Als ich diese Textzeilen geschrieben hatte, wusste ich, dass das die These des ganzen Albums werden würde.« Fast hätte es der Song nicht aufs Album geschafft, bis Buchanan das Tempo am letzten Aufnahmetag im Studio in Savannah, Georgia, deutlich herunterschraubte und die wunderschönen Lyrics damit ganz und gar in den Vordergrund stellte. Nun ist es der bedeutende Abschluss eines bedeutenden Werkes, das mit seiner Weite, Emotion, Verletzlichkeit und Spiritualität nach einem traumhaften Amerika der Vergangenheit klingt.



»Das Land, das es einst gab, existiert immer noch. Die Erfahrungen eines reisenden Musikers unterscheiden sich von den Perspektiven anderer Menschen. Wir sehen das ganze Land aus der Nähe. Wir sehen es in den Bars, den Clubs, den Diners, den Restaurants, den Tankstellen, den Parks. Wir sehen ein Land, das die Massenmedien dir nicht zeigen. Viele der aktuellen Entwicklungen sind hässlich, jedoch müssen wir damit arbeiten. Für mich stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie machen wir unsere Gesetze, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft gerecht? Wie sichern wir die Gleichberechtigung? Ich sehe die vertrauensvollen Menschen noch jeden Tag da draußen. Mein Land ist immer noch da. Und trotz all seiner Probleme liebe ich mein Land«, erklärt Buchanan nachdrücklich.

Mit ebenso viel Nachdruck verweist er auch auf seine vielen Wegbegleiter, die dieses Album ermöglicht haben. Darunter finden sich prominente Namen wie der von Produzent Dave Cobb, Gitarrist J.D. Simo, Scott Cooper, der die Reihenfolge der Songs festlegte, oder Jeremy Lipking, der das wunderbare Artwork gemalt hat. Und so erblühte dieses Werk, das in der Einsamkeit der Wüste gesät wurde, erst durch die Teilnahme und die Unterstützung zahlreicher Freunde in voller Pracht. Und das ist eine weitere integrale „Weapon Of Beauty“, die ein helles Licht in dunkle Zeiten wirft.



Mehr zu Jay Buchanan und den Rival Sons findet sich u.a. in

ROCKS Nr. 111 (02/2026) (auch ►digital erhältlich!)

ROCKS Nr. 97 (06/2023) (auch ►digital erhältlich!)

ROCKS Nr. 93 (03/2023) (auch ►digital erhältlich!)


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