Es geht eine Etappe weiter in der großen Werksaufbereitung von Metallica. Mit jedem einzelnen der bislang erschienenen Box-Sets zu Kill Em All (1983), Ride The Lightning (1984), Master Of Puppets (1986), …And Justice For All (1988) und Metallica (dem schwarzen Album, 1991) haben sie auf dem Markt der Deluxe-Editionen Standards gesetzt und aufs unterhaltsamste bewiesen, dass es durchaus möglich ist, der eigenen Fan-Klientel mit durchdachten, hochwertigen Beigaben und vor allem relevanten Inhalten auf Augenhöhe zu begegnen. Nach Load (1996) folgt in ReLoad (1997) nun die zweite Box, die eine von vielen Anhängern kritisch beäugte Schaffensphase dieser enorm populären und noch viel einflussreicheren Metal-Band aus San Francisco aufleben lässt, davon abgesehen aber das bisherige Archiv-Konzept weiterverfolgt.
Die hochwertig gefertigte Kiste enthält die 7“-Single ›The Memory Remains‹ sowie etliche Konzertmitschnitte aus den Jahren 1997 und 1998 (auch in einem Studio in Kalifornien abgehaltene Show-Proben sind dokumentiert) auf Vinyl, DVD und insgesamt 15 CDs. Zu entdecken gibt es interessante Alternativ-Takes, Roh-Mixe und weitere Ideen festhaltende Arbeitsfassungen, die an der Genese dieses immer wieder kontrovers diskutierten Albums teilhaben lassen, das als auffallend gut remasterte Fassung ebenfalls in mehreren Tonträgerformaten Bestandteil ist.
Als Metallica am 10. Juli 1991 die Masterbänder ihres kolossalen schwarzen Albums bei ihrer Plattenfirma abgaben, lag ein zermürbender Produktionsmarathon von mehr als neun Monaten hinter ihnen. Drei Wochen später waren sie bereits unterwegs auf der ersten von insgesamt drei Konzerttourneen, die sie zwei Jahre und 266 Konzerte lang in Bewegung hielten — auf die 1993 veröffentlichte Konzertnachlese im Box-Set Live Shit: Binge & Purge folgte im Frühsommer 1994 direkt die nächste.
Abstand voneinander und Zeit fürs Privatleben nahmen sie sich in den wenigen Monaten zwischen diesen Tourneen. Auch für erste Sitzungen, in denen die Musiker angefallene Song-Skizzen besprachen und weiterverfolgten: Als sie mit Produzent Bob Rock zusammenkamen (der Kanadier hatte sich eigentlich geschworen, nach dem so langwierigen Entstehungsprozess des schwarzen Album nicht noch einmal mit James Hetfield, Kirk Hammett, Jason Newsted und Lars Ulrich zusammenzuarbeiten), lagen 27 Lieder auf der Werkbank, die sie kurzzeitig für ein Doppelalbum in Betracht zogen, dann aber doch zum klassischen Format zurückruderten und sich für die Veröffentlichung in zwei Akten entschlossen
Als 1996 der erste erschien, war im Heavy Metal nichts mehr wie es einmal war. Und auch Metallica hatten sich verändert. Das hatten sie zwar zwischen all ihren Platten und ganz besonders zwischen dem komplexen …And Justice For All und dem monumental-harten und sehr kompakten Metallica getan. Load aber war anders. Die Band genoss es, auf Distanz zu den Genre-Manierismen zu gehen, die sie einst selbst erschaffen hatte, empfand Spaß dabei, konservative Fans vor den Kopf zu stoßen, für die Heavy Metal nur dann auch wirklich hörenswert war, wenn er exakt so klang wie 1986. Optisch zeigten sie sich plötzlich im neuen Look mit kurzen Haaren, Piercings und weiten Hosen. Und zum ersten Mal überhaupt zierte nicht der klassische Blitz-Schriftzug als Logo das Cover eines ihrer Alben — alles Ausdruck ihrer Sehnsucht danach, jedwede Anspruchshaltung abzuschütteln, die man Metallica als seinerzeit wohl größten Metal-Band der Welt entgegenbrachte.
Musikalisch setzten Metallica ihren eignen Weg so kompromisslos fort wie eh und je. Dass ReLoad auch ohne einen umwerfenden Song wie ›Until It Sleeps‹ die bessere der beiden miteinander verwandten Scheiben ist, liegt an den effektiver umgesetzten Songs. Auch klingt sie besser: Für beide Alben setzte Bob Rock im Studio genau dort an, wo Metallica mit dem schwarzen Album aufgehört hatten. Noch viel mehr ging es ihnen nun um mikrofonierten Raumklang — und überhaupt um wuchtigen Sound, der nicht zuletzt auch durch ein verändertes Zusammenspiel der beiden Gitarren entstand. Speziell Hammett wurde angeleitet, sich tatsächlich als zweiter Gitarrist zu engagieren und nicht bloß abschließend sein Wah-Wah-Pedal wund zu treten. Aber auch das Zusammenwirken von Lars Ulrichs immens wuchtigem Schlagzeug und Jason Newsteds plötzlich sehr muskulösem und souveränem Bassspiel machte sich bezahlt: Auf ReLoad kommt all dies in einem recht melodischen Album zusammen, das den nicht mehr zu übertrumpfenden schwarzen Meilenstein als Hardrock-Album mit Einflüssen aus Blues- und Southern-Rock weiterdachte — und im Vergleich zum Vorgänger erheblich an Härte und Energie hinzu gewonnen hatte.
Es macht einfach Spaß, sich vom zähnefletschenden ›Fuel‹ zu polterndem Schlagzeug und groovenden Riffs in den Refrain hineintreiben zu lassen und plötzlich ein Gitarrensolo zu entdecken, das in dieser Art ebenso gut von Aerosmith hätte stammen können. In ›Slither‹ scheinen zeitweilig Metallica mit ›Overdose‹ von AC/DC zu verschmelzen, in ›The Memory Remains‹ ist Marianne Faithfull zu hören, ›Devil’s Dance‹ spielt gleichermaßen mit Metallica wie auch mit Nick Cave, Annihilator und Black Sabbath. Ein knallhartes Hardrock-Album mit vereinnahmendem Groove, irrem Punch und überwiegend richtig starken Songs, die sich mit dem Sicherheitsabstand von fast dreißig Jahren viel besser genießen lassen.
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Album: 8









