Tony Joe White
Tony Joe White ist tot

Als Tony Joe White in den späten Sechzigern mit einem Koffer voller eigener Lieder aufbricht, um sich einen Namen im Musikgeschäft zu machen, ahnt er trotz bester Vorsätze nicht, dass er schon sehr bald Geschichte schreiben würde: als Southern-Troubadour, der die musikalischen Brennpunkte der Region (Memphis, Nashville, Muscle Shoals, Macon und Bayou) wie kein zweiter zu etwas sehr Eigenem zu verbinden versteht.

Der 1943 geborene White wächst auf einer Baumwollplantage in der Sumpflandschaft Louisianas auf. Früh ist er umgeben und begeistert von Gospel, Swamp Blues, Cajun, Soul und den Songs von Elvis Presley, ehe ihn sein Bruder mit der Musik von Lightnin’ Hopkins vertraut macht und ihm das Gitarrenspiel beibringt.

Als er mit seiner Band für ein halbes Jahr als Haus-Band eines Nachtclubs in Corpus Christi, Texas engagiert wurde und dort Abend für Abend als Tony White And His Combo auf der Bühne steht, ist er zwanzig Jahre alt. Dann verschlägt es ihn nach Nashville, Tennessee, wo er einen Plattenvertrag angeboten bekommt und mit ›Georgia Pines‹ eine erste Single aufnimmt. Seine erste Langspielplatte Black And White erscheint 1968; nach zwei weiteren wenig erfolgreichen Singles mischt schließlich die Auskopplung ›Polk Salad Annie‹ langsam aber sicher den Süden auf: Der gerissen groovende Swamp-Rocker erzählt vom Leben eines armen Southern-Mädchens und ihrer Familie und spiegelt auch Whites eigene Herkunft wider. Phil Walden, der frühere Manager des 1967 tödlich verunglückten Soul-Stars Otis Redding, nimmt sich fortan des Sängers an und setzt sich zum Ziel, White zu einer der führenden Figuren des weißen „Blue Eyed Soul“ aufzubauen.

Den Grundstein dazu legt das zweite Album …Continued (1969), auf dem weitere Charaktere aus der Fluss- und Sumpfregion Louisianas und ihre Geschichten besungen werden. Es ist das Album, mit dem Tony Joe White bis heute am stärksten assoziiert wird, die Platte, die die Begrifflichkeit des Swamp Rock mit seinem Namen hat verwachsen lassen. Diese brodelnde, mit einer enormen atmosphärischen Dichte gesegnete Melange aus wogenden Grooves, Blues, Rock, Southern-Soul und Southern-Boogie, die hier von Orgelgeröhre, Bläserknurren, gedämpften und sehr verwegenen (Wah-Wah-)Gitarren, gelegentlichen Streichern wie auch von Evis Presley gespeist wird, macht eine höchst eigene Klangästhetik aus. Sein hier erstmals veröffentlichter und später vielfach gecoverter Hit ›Rainy Night In Georgia‹ beschert Tony Joe White Unsterblichkeit.

Erst Ende September hatte White Bad Mouthin' veröffentlicht. Es ist der Schlusspunkt seiner seit einem halben Jahrhundert andauernden Karriere: Am 24.Oktober 2018 erlag der Meister des Swamp-Rock erlag in seinem Haus in Nashville einem Herzanfall. Er wurde 75 Jahre alt.

(Foto: Joshua Black Wilkins)