In Santa's Claws
Weihnachtsalben: Teil 4

Willkommen in der Zeit der wunderlichen Weihnachtsalben! An den kommenden Adventssonntagen werden wir hiervon eine kleine Auswahl vorstellen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Laune macht. Auch Obskures wird dabei sein.

In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 3
In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 2
In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 1

Twisted Sister— A Twisted Christmas (2006)

Mehr als alle anderen Bands haben Twisted Sister Anfang der Achtziger den Glam-Faktor in den Heavy Metal gebracht. A Twisted Christmas ist ein Tributalbum im doppelten Sinne: Zuallererst an die immergrünen Gassenhauer der Weihnachtszeit. Aber auch an die Bandgeschichte der im ersten Lauf zwischen 1972 und 1987 aktiven Truppe aus New Jersey, die in den hier arrangierten Weihnachtsnummern etliche Zitate eigener Songs und anderer Genreklassiker durchklingen lässt: Während in ›Silver Bells‹ ›I Wanna Rock‹ durchklingt, basieren etwa ›Oh Come All Ye Faithful‹ komplett auf ›We’re Not Gonna Take It‹ und ›Let It Snow‹ auf ›Children Of The Grave‹ von Black Sabbath.
Das Schreiben neuer Songs für Twisted Sister hat Frontmann Dee Snider nach 1987 aufgegeben. Zumindest lustige Textzeilen hat er sich für ›Heavy Metal Christmas (The Twelve Days Of Christmas)‹ aber ausgedacht, in dem seine Combo allerhand nette, durchweg Metal-taugliche Weihnachtsgeschenke besingt. Wer hat noch nie von einem Ozzy-Tattoo geträumt? Eben.

Anspieltipps: ›Oh Come Ye Faithful‹, ›Let It Snow‹, ›Heavy Metal Christmas (The Twelve Days Of Christmas)‹

Christmas In The Stars — The Star Wars Christmas Album (1980)

Vor wenigen Tagen lief Der Aufstieg der Skywalkers in den Kinos an und beendet die Sequel-Trilogie von Star Wars. Neu ist der Rummel um das epochale Science-Fiction-Spektakel von George Lucas freilich nicht. Bereits vor vierzig Jahren trieb er manch bizarre Blüte. Eine davon war das berüchtigte Weihnachts-TV-Special Star Wars Holiday Special, das am 17. November 1978 im US-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Zwei Jahre und eine Krieg-der-Sterne-Episode später macht Christmas In The Stars — The Star Wars Christmas Album weiter: Beinahe ein Konzept-Album, das die Geschichte von Robotern erzählt, die in einer Fabrik Spielzeug für S. Claus (der Sohn des Weihnachtsmanns) herstellen und sich von Droiden C-3PO und R2-D2 den Weihnachtszauber näherbringen lassen, deren Originalstimmen und Soundeffekte hier zu hören sind. Geschrieben wurde die Musik von Maury Yeston, einem Musikprofessor der Universität Yale, der Jahre später als Komponist zahlreicher Hit-Musicals zu Ruhm und Ehren kam. Für Rockisten besonders interessant sein dürfte ›R2-D2 We Wish You A Merry Christmas‹, denn in dieser Nummer übernimmt der 17-jährige Jon Bon Jovi den Lead-Gesang — es sind die ersten professionellen Studioaufnahmen des späteren Sängers der Hardrocker Bon Jovi, dessen Cousin Tony Bongiovi Christmas In The Stars — The Star Wars Christmas Album produzierte. (db)

Anspieltipps: ›R2-D2 We Wish You A Merry Christmas‹

Kenny Burrell — Have Yourself A Soulful Little Christmas (1966)

Spätestens Midnight Blue (1963) etablierte den 1931 in Detroit geborene Kenny Burrell als einen der einflussreichsten Jazz-Gitarristen aller Zeiten, der gefühlvoll und virtuos einer betörend-lässigen und immer swingenden Verzahnung von Jazz und Blues nachging. Der warme Ton seiner Akkordzerlegungen, seiner Runs und Soli auf der Halbakustischen gibt auch auf Have Yourself A Soulful Little Christmas den Pulsschlag, einer wunderbaren Platte, auf der sich in Esmond Edwards, Richard Evans und Kenny Burrell drei Big-Band- und Orchester-Arrangeure zusammenfanden, um Musik-Themen wie ›My Favorite Things‹ (das Stück aus dem Musical The Sound Of Music wurde Anfang der Sechziger durch die Adaption von John Coltrane zum Standard), Gospel (›Go Where I Send Thee‹) und vor allem traditionelle Weihnachtslieder auf urgemütlichen Jazz-Kurs zu bringen. In der hier zu hörenden Fassung rückt ›The Little Drummer Boy‹ ein gutes Stück in Richtung des ›Boléro‹ von Maurice Ravel. Vor allem aber ›Have Yourself A Merry Little Christmas‹, ›White Christmas‹ (nur mit Gitarre, Bass, Klavier und Schlagzeug), ›God Rest Ye, Merry Gentlemen‹, ›Twelve Days Of Christmas‹ oder auch ›The Christmas Song‹ sind hörenswert. Vorsicht ist lediglich beim Bossa Nova-Ausreißer ›Mary's Little Boy‹ geboten. (db)

Anspieltipps: ›My Favorite Things‹, ›Little Drummer Boy‹, ›White Christmas‹, ›The Christmas Song‹

Lynyrd Skynyrd — Christmas Time Again (2000)

Ein in der Summe erstaunlich erträgliches Southern-Weihnachtsalbum der späten Lynyrd Skynyrd. Die offerieren mit einer ganzen Bagage an Gästen offerieren diese mit dem gestriegelten Rhythm’n’Blues-Eigengewächs des Titelsongs, der originell-rockigen Bearbeitung von ›Run Rudolph Run‹ oder dem fetzigen, von Charlie Daniels dargebotenen, ›Santa Claus Is Coming To Town‹ tatsächlich Lieder, die nicht nur zwingend zur Weihnachtszeit funktionieren. Ihr elftes Werk driftet mit dem biederen traditionellen Instrumental ›Greensleeves‹, dem schmalztriefenden ›Mama’s Song‹ und dem überzuckerten, von .38 Special beigesteuerten ›Hallelujah, It’s Christmas‹ aber doch in allzu verzichtbare Gefilde.

Anspieltipps: ›Christmas Time Again‹, ›Run Rudolph Run‹, ›Santa Claus Is Coming To Town‹

Colin James — The Little Big Band Christmas (2007)

Seit 1988 veröffentlicht Colin James Platten. Ernst nehmen muss man ihn seit Bad Habits (1995), auf dem er zum ersten Mal Farbe bekannte: Bis dahin hatte es sich der Kanadier irgendwo zwischen AOR-gebräuntem Bryan Adams und Jeff Healey bequem gemacht und seine Standpunktsuche mit einem Swing-Album unterbrochen — nur um 1995 als moderner und sehr songorientierter Bluesrocker wiedergeboren zu werden, als der er sich bis heute beständig weiterentwickelt hat. Ganz hat ihn der Swing nie losgelassen. The Little Big Band Christmas (2007) wurde immer wieder als Hosentaschenausgabe des Brian Setzer Orchestra beschrieben, was nur dann wirklich funktioniert, solange es nicht despektierlich gemeint ist: Denn dafür ist das Album mit seinen sehr authentischen Rhythm'n'Blues-Sounds- und Songs (›Cool Yule‹ wurde durch Louis Armstrong bekannt) und dem kleinen Big-Band-Besteck einfach zu gut. (db)