In Santa's Claws
Weihnachtsalben: Teil 3

Willkommen in der Zeit der wunderlichen Weihnachtsalben! An den kommenden Adventssonntagen werden wir hiervon eine kleine Auswahl vorstellen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Laune macht. Auch Obskures wird dabei sein. Aber dafür haben wir noch etwas Zeit. Habt eine schöne Adventszeit!

In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 4
In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 2
In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 1

William Shatner — Shatner Claus — The Christmas Album (2018)

Prangt auf dem Cover einer Platte der Name William Shatner, war dies bislang immer als Warnung zu verstehen. Sieben Studioalben stehen in der Vita des mittlerweile 88-jährigen Schauspielers, der als Captain Kirk in Raumschiff Enterprise berühmt wurde. Und alle eint eins: Shatner spricht seine Texte losgelöst von Takt und Schwerkraft, während im Hintergrund die Musik spielt. Auf Shatner Claus  — The Christmas Album imponiert die Gästeliste: Henry Rollins bellt den Refrain von ›Jingle Bells‹, in ›Silent Night‹ ist Iggy Pop zu hören. Blueser Joe Louis Walker macht ›Little Drummer Boy‹ interessant — an anderen Stellen sind Billy Gibbons (ZZ Top), Ian Anderson (Jethro Tull), Rick Wakeman (Yes) zu hören. Eine verstörende Festtags-Schaibe ganz nach Shatners Geschmack: Beam Me Up, Santa!

Anspieltipps: ›Silent Night‹, ›Jingle Bells‹, ›Little Drummer Boy‹

The Prog World Orchestra — A Proggy Christmas (2012)

Ein Album wie dieses würde man wohl am ehesten von Rick Wakeman erwarten. Und doch trifft den einstigen Tastenmagier von Yes keinerlei Schuld an A Proggy Christmas. Neal Morse ist der Übeltäter. Die Idee zu dieser Platte entstand aus einer anderen: Unter dem Titel A Proggy Christmas brachte das einstige Spock's Beard-Oberhaupt ein Jahr zuvor eine limitierte Fan-Club-CD heraus, die den Grundstock dieser 2012 erweiterten Scheibe stellte. Aus der Privatvorstellung des Multiinstrumentalisten ist das "Prog World Orchestra" gewachsen, in dem sich nun auch Mike Portnoy (Dream Theater, Transatlantic, Flying Colors, Sons Of Apollo), Steve Morse (Deep Purple, Dixie Dregs, Flying Colors), Steve Hackett (Genesis), Roine Stolt (Flower Kings), Pete Trewavas (Marillion, Transatlantic) und weiterer Musiker der Neal Morse Band austoben. Gemeinsam nimmt es sich populärer Motive der amerikanischen Weihnachtsmusik an und baut sie zu urtypischem Morse-Prog mit feinen Spielstrecken und der gesamten Soundpalette zusammen, die man von dem Meister erwarten würde.
Wirklich schwer verdaulich ist lediglich ›Shred Ride‹, das offenbar ›Sleigh Ride‹ in die Gameboy-Welt von Super Mario zu pressen versucht. Davon abgesehen hat A Proggy Christmas in Adaptionen wie ›Carol Of The Bells‹, der Edgar-Winter-Verwurstung ›Frankincense‹, ›Little Drummer Boy‹ und auch der festlichen Vokal-Nummer ›Hark! The Herald Angels Sing‹ (mit eingeschobenen Rhythmik-Parallelen zu ›Why I Am‹ von der Dave Matthews Band) vieles zu bieten, was die Platte zu mehr macht bloß als einem Prog-Gag zur Weihnachtszeit. (db)

Anspieltipps: ›Hark! The Herald Angels Sing‹, ›Carol Of The Bells‹

Cheap Trick — Christmas Christmas (2017)

Cheap Trick sind keine Neulinge im Weihnachts-Wunderland, als sie 2017 Christmas Christmas veröffentlichen: Bereits 2012 bogen die Power-Pop-Veteranen ihren Hit-Klassiker ›I Want You To Want Me‹ um zu ›I Want You For Christmas‹, fünf Jahre zuvor erschienenen in einer Kleinstauflage die Nummern ›Come On Christmas‹ und ›Christmas Christmas‹. Letztere wurde in einer neuen Fassung zum Titellied ihrer 18. Studio-Platte. Tollkühn und selbstsicher wie immer führen die Amerikaner hier Heavy-Rock, traumhafte Beatles-Melodien, etwas Punkrock und persiflierenden Humor zusammen. ›Christmas Christmas‹ ist eine von drei eignen Cheap Trick-Kompositionen, die bis in den Gesang hinein als zackige Paradenummer von Michael Monroe hätte durchgehen können. Gleiches gilt für ›Merry Christmas (I Don’t Want To Fight Tonight)‹, einem herrlichen Power-Cover der Ramones, das schon in der Originalfassung von 1989 ziemlich unwiderstehlich geriet. Aus dem verschlafenen ›I Wish It Was Christmas Today‹ von Strokes-Sänger Julian Casablancas machen Cheap Trick die punkrockigste Billy Idol-Nummer seit Ewigkeiten. Und auch ›Father Christmas‹ (The Kinks), ›Merry Christmas Everyone‹ (Slade) und ›Run Rudolph Run› (Chuck Berry) haben Gehör verdient. Einfach eine tolle Platte. (db)

Anspieltipps: ›Christmas Christmas‹ ›I Wish It Was Christmas Today‹, ›Merry Christmas Everyone‹

Jethro Tull — The Jethro Tull Christmas Album (2003)

Dieses Album von 2003 gilt gemeinhin als das letzte Studiowerk der Formation des schrulligen Querflötisten Ian Anderson, die in ihrer kreativsten Zeit ohne jede Not Elemente aus Rock, Blues, Folk, Jazz und Klassik zu einem nie zuvor gehörten Sound vermischte. Streng genommen ist The Jethro Tull Christmas Album eine Kompilation, die Neueinspielungen älterer Songs (›A Christmas Song‹ beispielsweise wurde von Tull erstmals 1969 als Single veröffentlicht), Interpretationen kirchlicher Weihnachtslieder sowie Traditionals und auch einige neue Nummern enthält. ›Birthday Card At Christmas‹ etwa, das Anderson für seine kurz vor Weihnachten geborene Tochter Gael schrieb. Im Gegensatz zum Gros der Weihnachtsveröffentlichungen evoziert diese Platte kein Bild überfüllter Innenstadt-Weihnachtsmärkte: Wer die Augen schließt, den verschlägt es mit The Jethro Tull Christmas Album vielmehr auf eine verschneite, mittelalterliche Burg, die passenderweise auch das Cover ziert.

Anspieltipps: A Christmas Song, Last Man At The Party, A Christmas Song

Eric Clapton — Happy Xmas (2018)

Wer sich fragt, was Eric Clapton zu diesem Album geritten hat: Der Legende nach seine Frau Melia. Die nämlich fragte ihren Gatten, warum er nicht gleich selbst ein Weihnachtsalbum aufnehme, wenn er doch jedes Jahr seine Weihnachts-Songplaylisten zusammenstelle. Und so sind bis auf Happy Xmas fast ausnahmslos Fremdkompositionen zu hören; lediglich ein neues eigenes Stück fand auf Slowhands einundzwanzigstem Soloalbum Verwendung (›For Love On Xmas Day‹). Neben den Feiertags-Standards wie ›White Xmas‹ oder ›Have Yourself A Merry Little Xmas‹ finden sich einige eher unbekannte Nummern auf der Platte, die mal mehr, mal weniger überzeugend auf den typischen Clapton-Sound getrimmt wurden — lediglich ›Jingle Bells‹ ist in Erichs vollkommen gruseligen Techno-Gitarren-Fassung zum vergessen.

Anspieltipps: ›White Xmas‹, ›For Love On Xmas Day‹,  ›Lonesome Xmas‹