In Santa's Claws
Weihnachtsalben: Teil 2

Willkommen in der Zeit der wunderlichen Weihnachtsalben! An den kommenden vier Adventssonntagen werden wir hiervon eine kleine Auswahl vorstellen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Laune macht. Auch Obskures wird dabei sein. Aber dafür haben wir noch etwas Zeit. Habt eine schöne Adventszeit!

In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 4
In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 3
In Santa's Claws — Wunderliche Weihnachtsalben Teil 1


L.A. Guns — Another Xmas In Hell (2019)

Eine digitale EP haben sich die von Phil Lewis und Tracii Guns angeführten Sleaze-Veteranen für die Weihnachtssaison 2019 ausgedacht, die ausschließlich mit Coverversionen bestückt ist. Weshalb auch nicht? Ihre Qualitäten als beherzte Interpreten haben die L.A. Guns mit dem vorzüglichen Rips The Covers Off (2004) hinlänglich bewiesen.
Zunächst jedoch bremsen sie sich wenig feierlich aus: ›The Bills/Christmas Is The Time To Say I Love You‹ taugt bestenfalls zur Untermauerung der nicht allzu gewagten These, dass jede Platte von und mit William Shatner früher oder später in einem Spaß-Vakuum mündet (zu Shatners eigenem Beitrag zur Geschichte der Weihnachtsmusik kommen wir in dieser kleinen Serie später auch noch) — ausgesprochen bedauerlich, dass die Star-Trek-Legende den in Vergessenheit geratenen Billy Squier-Song von 1981 nach allen Regeln der Kunst zerquatschen durfte. ›Merry Xmas Everybody‹ bleibt im Slade-Original alleine schon durch den so wunderbar auf Krawall gebürsteten Energie-Gesang von Noddy Holder selbstverständlich ungeschlagen. Aber auch zu den L.A. Guns passt diese sleazige Festtags-Rock'n'Roll- Nummer ganz ausgezeichnet.
Großzügige neun Sekunden lang lassen uns die Amerikaner an ihrer Punkrock-Verholzung des Chanukka-Lied ›Dreidel‹ teilhaben, ehe sie sich in ›There Ain't No Sanity Clause‹ stürzen: ein feines Cover von The Damned. ›Merry Christmas (I Don't Want To Fight Tonight)‹? Dieser wunderbare Ramones-Gassenhauer macht einfach immer diebischen Spaß. (db)

Anspieltipps: ›Merry Christmas (I Don't Want To Fight Tonight)‹, ›There Ain't No Sanity Clause‹

Bob Dylan —  Christmas In The Heart (2009)

Erst im Frühjahr 2009 hatte Bob Dylan in Together Through Life das 33. Studio-Album seiner Langen Karriere vorgestellt — exakt ein halbes Jahr später verblüffte die Songwriter-Legende mit Christmas In The Heart, dessen Erlöse mehreren Organisationen zufließen, die sich gegen Hunger in der Welt engagieren.
Mit seinem zwischen Rabenkrähe und Weihnachtself changierenden Timbre raspelt sich Dylan durch diese wunderbare Platte, für die er sich Weihnachtsschlager, traditionelle Lieder und einige kirchlich geprägte Stücke aussuchte und weitgehend von derselben Musikerbelegschaft interpretieren ließ wie Together Through Life — schon deshalb unterscheidet sich der gemütliche, völlig aus der Zeit gekippte Grundton zwischen Blues, Jazz, Country und Tom Waits gar nicht mal so sehr von jener Scheibe oder dem vorangegangenen Modern Times. ›Here Comes Santa Claus‹ war 1947 ein Hit für Gene Autry, den etwas später auch Doris Day und Bing Crosby zu einem Evergreen der amerikanischen Unterhaltungsmusik schwoften; ungleich schöner ist das darauf folgende ›Do You Hear What I Hear?‹, das 1962 Harry Simeone in die US-Hitparade sang. Hier wie auch in ›Hark The Herald Angels Sing‹, ›First Noel‹, ›Little Drummer Boy‹ oder ›Winter Winderland‹ zeigt sich der wahre zurückhaltende Reiz dieser Platte: Während die meisten Weihnachtsalben mit Extrazucker und Schunkelsentiment einlullen, schafft es Dylan, die Musik aus dem grellen Kitschflutlicht zu ziehen und sie wärmer, intimer, lichtgedimmter und wohltuend beschaulich zu intonieren. Selbst die schräge Tex-Mex-Polka ›Must Be Santa‹ passt irgendwie dazu. (db)

Anspieltipps: ›Do You Hear What I Hear?‹, ›Hark The Herald Angels Sing‹, ›The First Noel‹, ›Winter Wonderland‹, ›O' Come All Ye Faithful (Adeste Fideles)‹, ›The Christmas Song‹

Vince Guaraldi Trio — A Charlie Brown Christmas (1965)
Nicht nur in den USA ist das von Snoopy-Vater Charles M. Schulz erdachte Cartoon-Special A Charlie Brown Christmas (deutscher Titel: Die Peanuts: Fröhliche Weihnachten) eine feste Größe im Fernseh-Vorweihnachtsprogramm. Die zugehörige Filmmusik, die ebenso wie der Soundtrack der regulären Peanuts-Serie von Jazzmusiker Vince Guaraldi geschrieben, arrangiert und mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug in seinem Jazz-Trio umgesetzt wurde, ist kaum weniger beliebt und einfach schön: Neben einigen urgemütlichen, stark verjazzten Interpretationen solcher Themen wie ›Oh Tannenbaum‹ finden sich auf der Platte Eigenkompositionen wie ›Christmas Time Is Here‹ (als dezente Gesangsnummer), dessen Text TV-Produzent Lee Mendelson angeblich innerhalb einer Viertelstunde auf die Rückseite eines Briefumschlages schrieb, ›Skating‹ und ›Linus And Lucy‹, das Guaraldi der nie gesendeten TV-Dokumentation A Boy Named Charlie Brown abzwackte: Immerhin auf dem Soundtrack Jazz Impressions Of "A Boy Named Charlie Brown" waren sie 1964 veröffentlicht worden.
 
Anspieltipps: Alles

X-Mas Project — X-Mas Project (1986)
Zwischen "besinnlich" und "besinnungslos" liegen manchmal nur zwei Kurze, wie dieses Album von 1986 zeigt, auf dem die Metal-Szene Deutschlands um den Weihnachtsbaum torkelt: Peavy Wagner und Jörg Michael von Rage, Sabina und Andy Claasen von Holy Moses sowie Axel Rudi Pell (damals noch in Diensten von Steeler), Ralph Hubert alias Björn Eklund (Mekong Delta) oder auch Toto (Living Death) sind nur die bekanntesten Namen, die sich hier (freude)trunken durch neun Weihnachtsklassiker holzen — aufgenommen wurde X-Mas Project 1986 passenderweise im Hochsommer. Dieser legendären deutschen Metal-Ursuppen-Weihnachtsfeier zu lauschen, ist für viele ein liebgewonnenes Ritual. Ein zweiter Teil, bei dem unter anderem Andreas „Gerre“ Geremia von Tankard mitmischte, erschien 1995.
 
Anspieltipps: ›Mary‘s Little Boy Child‹, ›White Christmas‹, ›Leise rieselt der Schnee‹