Roger Waters
Klassiker und Kontroversen

Pink Floyd-Mitbegründer und Prog-Ikone Roger Waters hat einen Konzertfilm veröffentlicht. Zunächst nur digital: Physisch auf DVD und Blu-ray wird Roger Waters: Us + Them erst ab Oktober zu haben sein.

Der von Waters und Sean Evans produzierte Mitschnitt der Us + Them-Tournee, die den britischen Bassisten und Sänger zwischen 2017 und 2018 vor rund 2,3 Millionen Anhängern auftreten ließ, stammt aus dem Amsterdamer Ziggo Dome und wurde bereits im vergangenen Jahr in ausgewählten Kinos gezeigt.

Vorerst ist er nun in einer längeren Fassung per Download zu bekommen — ›Comfortably Numb‹ und ›Smell The Roses‹ waren in der Kinofassung nicht zu sehen. Zudem ist die Dokumentation A Fleeting Glimpse Bestandteil des Filmpaketes.
 
Wer nachlesen möchte, was sich bei dem Auftritt von Roger Waters im Juni 2018 in Köln zutrug, kann dies hier (und/oder in ROCKS 05/2018) tun: Alexander Kolbe hat sich das Spektakel in der Kölner Lanxess Arena angesehen.
 
 
Roger Waters
Köln, Lanxess Arena

Text: Alexander Kolbe
 
Klassiker und Kontroversen
 
Um deutliche Kommentare zu Politik und Weltgeschehen war Roger Waters noch nie verlegen. Immer streitbar, gern belehrend und mit einem Hang zur Selbstgerechtigkeit inszenierte sich der Sänger und Bassist spätestens ab dem Pink Floyd-Opus Animals (1977) als Meckerer und Mahner. Auf seiner laufenden Us + Them-Tournee scheint ein Eklat vor der Zugabe fest eingeplant zu sein. So auch in Köln, wo Waters nach fast zweieinhalb Stunden einen Zettel aus der Tasche zieht, um dem WDR und seinem Intendanten Tom Buhrow die Leviten zu lesen: Der Sender hatte seine bereits zugesagte Präsentation des Konzerts zurückgezogen — aufgrund der Petition einer jüdischen Kölner Bürgerin, die Waters wegen seiner Unterstützung der israelfeindlichen, propalästinensischen BDS-Kampagne als Antisemiten bezeichnete. Das sei er selbstverständlich nicht, ihm seien aber gleiche Rechte für alle wichtig, versichert Waters, nachdem er die Petition und ihre Folgen als Versuch bewertet hat, seine Karriere zu zerstören.

Sein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein hat er schon zuvor hinreichend demonstriert: Der erste Teil seiner Show endet mit dem Gassenhauer ›Another Brick In The Wall‹, für den ein Dutzend Kölner Schulkinder in orangefarbener Guantanamo-Häftlingskleidung und schwarzen Masken auf die Bühne kommen, darunter tragen sie T-Shirts mit der Aufschrift „Resist“. Wogegen man sich wehren und Widerstand leisten soll, ist danach zwanzig Minuten lang auf der riesigen Leinwand hinter der Bühne zu sehen: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kriegt ebenso sein Fett weg wie CIA-Direktorin Gina Haspel, die im Ruf steht, eine Verfechterin von Folterpraktiken zu sein; auch gegen Kriegsprofiteure, Umweltzerstörung und (jawohl) Antisemitismus wettern die leuchtenden Lettern auf schwarzem Grund. In der zweiten Hälfte des Konzerts nimmt Waters seinen aktuellen Lieblingsfeind Donald Trump in die Mangel. Über den Köpfen der Zuschauer teilen nun mehrere Leinwände die Arena der Länge nach, aus ihnen schieben sich wenig später vier Fabrikschlote, aus denen sogar Kunstrauch aufsteigt – eine Nachbildung der Battersea Power Station vom Animals-Cover. Bei ›Pigs‹ ist Trumps Kopf auf einem Schweinekörper und einer Statue mit Mini-Penis zu sehen, andere Video-Projektionen zeigen den US-Präsidenten mit Hitlerbart oder Frauenbrüsten. Und damit es auch der Begriffsstutzigste kapiert, lässt Waters am Ende die Zeile folgen: „Trump ist ein Schwein!“

Eigentlich hätte Waters derart plumpe, unangenehm aufdringliche Agitprop-Methoden, diesen missionarischen Eifer mit der Subtilität eines Vorschlaghammers gar nicht nötig: Was er und seine fantastische Begleitband musikalisch bieten, ist nämlich vom Feinsten. Zahlreiche im gesamten Oval verteilte Lautsprechergruppen erzeugen einen glasklaren, faszinierend detailreichen Surround-Sound, und die zwanzig Songs umfassende Setliste setzt auf die zeitlosen Siebziger-Klassiker von Pink Floyd, ergänzt um vier Stücke seines letztjährigen, überraschend Floyd-lastigen Soloalbums Is This The Life We Really Want?. Rückgrat der Show ist das epochale Dark Side Of The Moon, das fast komplett gespielt wird; für weitere Höhepunkte sorgen das beängstigend intensive ›Welcome To The Machine‹ sowie eine betonharte Version des Meddle-Instrumentals ›One Of These Days‹. Zwei Musiker drücken dem Gig besonders ihren Stempel auf: Dave Kilminster übernimmt das Gros von David Gilmours Gitarrensoli und schafft es nicht nur, dessen unvergleichlichem Ton und Feeling verblüffend nahezukommen, sondern manchen Parts auch einen schneidenden Biss zu verleihen. Gilmours mal verträumten, mal elegischen Gesang übernimmt Kilminsters Saitenpartner Jonathan Wilson, der sonst als Solokünstler und Produzent tätig ist. Auch in seinem Fall könnte man mit geschlossenen Augen mitunter denken, das junge Original vor sich zu haben. Zum regulären Showende ›Eclipse‹ schwebt eine riesige Laser-Pyramide im Raum, bevor ›Comfortably Numb‹ als Zugabe den berührenden Schlusspunkt setzt. Sollte dies die letzte Tour des mittlerweile 74-Jährigen gewesen sein, so darf man konstatieren: Den Tiradenschwinger Roger Waters wird man nur bedingt vermissen — den Musiker Roger Waters hingegen sehr wohl.