Rainbow
Rocken für die Ewigkeit

Die Stimmung war schon mal besser. Gerade erst hatten sie in Rising ein Monster von einem inspirierten, kraftvoll-spiellustigen Album geschaffen, das Rainbow als Band und Ronnie James Dio als Musiker definieren sollte. Ein Jahr später schon sind Gitarrenhexer Ritchie Blackmore, Gesangslegende Dio und Schlagzeuger Cozy Powell die letzten verbliebenen Musiker des Klassikerkaders von 1976.

»Ich hätte schon noch gerne in der Besetzung von Rising weitergemacht, weil ich der Meinung war, dass wir längst nicht alles ausprobiert hatten und mindestens ein weiteres Album in uns steckte«, erzählte der 2010 verstorbene Sänger in einem ROCKS-Interview. »Aber das war selbstverständlich eine Entscheidung, die Ritchie zu treffen hatte.

Er war der Ansicht, dass Jimmy Bain und Tony Carey als Musiker zu limitiert waren und nicht ausreichend zu dem betragen konnten, was ihm für die Zukunft der Band vorschwebte. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob er damals schon wusste, was das ganz genau war. Wahrscheinlich wusste er zunächst nur, war er eben nicht wollte. Und dann waren wir auf einmal ein Trio — Ritchie, ich und Cozy. Für mich war das etwas beunruhigend. Wir waren völlig im Umbruch — und mussten einen neue Platte aufnehmen.«

Long Live Rock’n’Roll entsteht zwischen Mai und Juli 1977 nördlich von Paris im Château d’Hérouville. Der französische Filmkomponist Michel Magne hatte das 1740 erbaute Schlösschen zu einem Aufnahmestudio umbauen lassen: Bands und Künstler wie Elton John (Honky Château), T.Rex, Pink Floyd, David Bowie, Bad Company und Sweet hatten hier bereits gewirkt und Platten eingespielt. Noch faszinierender wurde diese Stätte für den am Übersinnlichen interessierten Ritchie Blackmore dadurch, dass im Château d’Hérouville der Geist von Frédéric Chopin spuken soll. Und nicht nur dieser.

»Diese Geister-Geschichten hört man immer wieder«, schmunzelte Dio. »Ich kann nicht gerade behaupten, das ich empfänglich für diesen Hokuspokus wäre. Allerdings hatte dieser Ort tatsächlich eine sonderbare Atmosphäre: fröstelnd und beinahe abschreckend, auf jeden Fall nicht sehr einladend. Als ob irgendwelche Wesen uns vertreiben wollten. Wahrscheinlich habe ich mich dann doch von all diesen Spuk-Erzählungen anstecken lassen und mir alle möglichen mysteriösen Dinge eingebildet. Ein paar aus unserer Technik-Crew haben sehr überzeugend und verstört behauptet, irgendetwas hätte sie heimgesucht. Wenn man den Zustand bedenkt, in den wir uns regelmäßig gesoffen haben, dann waren das aber wohl eher Flaschengeister.«

Blackmore allerdings ist felsenfest überzeugt, dass im Château etwas Außerweltliches existiert. Um mit den Geistern in Kontakt zu treten, hält der Gitarrist schließlich Séancen ab. »Solche Sachen gefallen mir ganz und gar nicht«, so der Sänger. »Aber ich habe mitgemacht, weil es uns irgendwie miteinander verbunden hat. Und wie schon gesagt: Dieser Ort hat eine gewisse Kälte ausgestrahlt, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Ritchie war nicht besonders erbaut, wenn seine Einladung zu den Séancen abgelehnte. Er nahm diese Sitzungen sehr erst — die meisten anderen auch.«

Den Bass auf Long Live Rock’n’Roll teilt sich Blackmore mit dem später zur Band gestoßenen Bob Daisley, einem gebürtigen Australier, der sich bei der englischen Combo Widowmaker einen Namen gemacht hatte. Vor allem der Abgang von Tony Carey hingegen hat sich im Sound des dritten Rainbow-Studiowerks niedergeschlagen. Immerhin in drei Album-Nummern ist der Keyboarder mit Beiträgen zu hören: In der luxuriösen Edel-Hymne ›Long Live Rock’n’Roll‹ genauso wie in Lady Of The Lake‹ und in ›Rainbow Eyes. Die übrigen Tastensounds stammen von Neuankömmling David Stone.

Rising war gestern. Und so wird Long Live Rock’n’Roll das Rainbow-Album mit den stärksten Anklängen an schwere Led Zeppelin: ›Lady Of The Lake‹ gemahnt an den ›Wanton Song‹ und hat einen ungewöhnlich zugänglichen Refrain. Auch ›L.A. Connection‹ hat einen schweren Page-Riff und einen harten Nazareth-Drall — und dann natürlich das geheimnisvolle ›Gates Of Babylon‹ mit den arabisch-orientalischen Streichern. Die Ballade ›Rainbow Eyes‹ ist mit über sieben Minuten das längste Stück und funktioniert als mittelalterliches Minnelied mit Flöten und Streichern auch ohne Cozy Powells Wucht-Schlagzeug.

Long Live Rock’n’Roll erscheint am 9. April 1978. Es ist ein starkes Album — und ein überaus erfolgreiches. Trotzdem ist Blackmore davon überzeugt, dass es nur mit einem Neubeginn und einem kommerzielleren Ansatz richtig vorangehen kann.

»Dass ich meine letzte LP mit Rainbow aufgenommen hatte, ist mir damals gar nicht in den Sinn gekommen. Bis Ritchie irgendwann doch sehr deutlich klarmachte, wohin er Rainbow lenken wollte. Er hat dabei ganz richtig angenommen, dass ich an einer leichteren, massenkompatibleren Ausrichtung der Band kein Interesse hatte. Ich habe dann meinen Kram gepackt und mit Black Sabbath nochmal ganz von vorne angefangen. Schade an der Geschichte ist, dass Ritchie und ich vieles nicht aufgearbeitet haben und wir Unerledigtes hinterlassen haben.«

Ronnie James Dio stieß als Niemand zu Rainbow. Als ein Gott verließ er sie in Richtung Black Sabbath: Heute vor 42 Jahren erschien das Finale Long Live Rock’n’Roll.