Pink Floyd
Ein Bild für das kollektive Gedächtnis

Es ist eine in allen Belangen faszinierende, monumentale Platte: Ein 26 Nummern umfassendes und rund achtzig Minuten langes Konzept-Werk, das sich bis heute weltweit mehr als 30 Millionen mal verkauft hat — einsamer Rekord für ein Doppelalbum. Am 30. November 1979 erschien The Wall von Pink Floyd.

Die Grundidee für das Konzept kommt Bassist Roger Waters auf der In The Flesh-Tour im Sommer 1977. Der Brite hat das Gefühl, das Publikum höre der Band nicht mehr richtig zu und viele stünden aufgrund der schieren Größe der Konzerte zu weit von der Bühne entfernt. Höhepunkt dieser Entfremdung ist das letzte Konzert der Tour im Olympiastadion der kanadischen Stadt Montreal, als eine Gruppe feiernder Fans in der Nähe der Bühne Waters so sehr irritiert, dass er sie anspuckt.

Gemeinsam mit dem kanadischen Produzenten Bob Ezrin arbeitet Waters die Geschichte des Musikers Pink aus, die biografische Züge sowohl von ihm selbst als auch vom tragischen Schicksal des früheren Pink Floyd-Frontmannes Syd Barrett trägt.

Die Entstehungszeit des Monumentalwerks gerät zu einer Zerreißprobe für die erfolgsverwöhnten Art-Rocker. Finanzielle Probleme durch missglückte Finanzspekulationen fordern zeitnah ein neues Album und führen außerdem dazu, dass die Bandmitglieder England verlassen, um Steuern zu sparen. Auch im Bandgefüge brodelt es: Zwischen Waters und dem singenden Gitarristen David Gilmour gibt es Differenzen über die musikalische Ausrichtung der Band. Das strikte Regiment des Bassisten während der Aufnahmen sorgt für zusätzliche Spannungen. Besonders Keyboarder Richard Wright sowie Ezrin sind Ziel des meinungsstarken Musikers. Während der junge Produzent es schafft, die Konflikte in kreative Bahnen zu lenken, führen die Kritik und die fehlende Anerkennung bei Wright zusammen mit persönlichen Problemen dazu, dass er sich weiter von der Band entfremdet und sie letztlich noch im selben Jahr verlassen muss. Bei der Tour zum Album ist er nicht mehr als Mitglied von Pink Floyd dabei, sondern nur als angestellter Musiker.

Trotz der Spannungen und des personellen wie logistischen Aufwands der Aufnahmen (neben Ezrin sind Waters und Gilmour als Produzenten, James Guthrie als Co-Produzent und insgesamt fünf Toningenieure auf der Plattenhülle genannt; zusätzlich zu den vermerkten Studios im französischen Miravel und in Los Angeles wird außerdem noch in London und New York an Details der Platte geschraubt) gelingt es dem Quartett, The Wall wie von der Plattenfirma gefordert noch im November 1979 zu veröffentlichen.

Die anfänglich gemischten Kritiken können den Erfolg des Albums nicht aufhalten: Bereits im Dezember des Jahres erreicht es Platinstatus im Vereinigten Königreich, in den USA ist die Platin-Marke von einer Millionen abgesetzter Einheiten drei Monate später erreicht. In Deutschland wurde die Platte bis heute über zwei Millionen Mal verkauft.

Ebenso monumental wie das Album selbst ist auch die Bühnenshow der Gesamtaufführung, die Pink Floyd 1980 und 1981 in Los Angeles, New York, London und Dortmund spielen: Im ersten Teil des Konzerts wird eine Mauer quer über das Podium gebaut, den zweiten Teil spielt die Band dahinter. Erst zum Finale der vorletzten Nummer ›The Trial‹ wird die Mauer eingerissen und die Musiker kommen wieder zum Vorschein.

Die aufwändige Produktion kommt danach erst neun Jahre später wieder auf die Bühne: Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 wird The Wall am 21. Juli 1990 unter Leitung des seit 1985 als Solomusiker aktiven Waters auf dem Potsdamer Platz in Berlin aufgeführt. Für die starbesetzte Show — unter anderem wirken die Scorpions, Cyndy Lauper, Bryan Adams und Van Morrison mit — werden 200.000 Tickets verkauft, da aber noch mehr Menschen auf das Gelände drängen, werden schließlich die Tore geöffnet. Der Erlös in Höhe von sechs Millionen D-Mark kommen dem World War Memorial Fund For Disaster Relief zugute.

Die Geschichte eines von der Welt entfremdeten und isolierten Musikers wird mit der kraftvollen Metapher der am Ende einstürzenden Mauer zu einem der Bilder der Wende und das Konzert zur ersten Großveranstaltung in zwei Nationalstaaten gleichzeitig. Wenn The Wall nicht vorher schon Teil des kollektiven Gedächtnisses war: Mit diesem Konzert ist das Doppelalbum unwiderruflich darin eingegangen.