Phantom 5
Feuerwerk mit neuen Farben

Allen Widrigkeiten zum Trotz lässt sich Claus Lessmann nicht aufhalten: Mit Play To Win legen Phantom 5 ihr zweites Album vor, das mit spielerischer Leichtigkeit an die frühen Hardrock-Klassiker seiner vormaligen Band Bonfire anknüpft.

Wie Claus Lessmann mit seinem Rauswurf aus Bonfire und den folgenden Tritten und Attacken seiner langjährigen Kollegen umgegangen ist, nötigt einem Respekt ab. Statt in die provozierte Schlammschlacht einzusteigen, hat sich der Sänger lieber darauf konzentriert, mit Phantom 5 ein Statement der musikalischen Art auszuarbeiten: Mit dem im letzten Jahr erschienenen Erstling der Gruppe gelang es ihm qualitativ ganz unmittelbar, an die Hochzeit seiner alten Band anzuschließen — und damit an unerreichte Alben wie Fireworks (1987) und Point Blank (1989). Dabei hatte Lessmann das Glück, gleich nach dem großen Beben von Ingolstadt von einem anderen Urgestein der deutschen Hardrock-Landschaft an die Hand genommen worden zu sein. Denn ohne die Vision und die Erfahrung von Gitarrist und Songschreiber Michael Voss (Casanova, Mad Max) wären Phantom 5 kaum denkbar gewesen.

Beim nun zweiten Album Play To Win wird das Kreativ-Trio aus Claus Lessmann, Michael Voss und Gitarrist Robby Böbel (Frontline) abermals von Schlagzeuger Axel Kruse (Jaded Heart) unterstützt — nur der frühere Scorpions-Bassist Francis Buchholz ist dieses Mal nicht beteiligt. »Das ist schade, aber das bedeutet ja nicht, dass er in Zukunft nicht wieder mit dabei sein kann«, meint Lessmann. »Phantom 5 sind eben ein Projekt — obwohl mir dieses Wort eindeutig viel zu negativ besetzt ist. Denn wenn wir miteinander arbeiten, denkt und handelt jeder von uns so, als wären wir eine Band.«

Play To Win strahlt aus, wie fokussiert die Musiker bei der Entstehung zu Werke gingen. Dass sich die Truppe bei Stücken wie ›Baptised‹ oder ›Read Your Mind‹ an den glorreichen Bonfire-Tagen orientiert hat, überrascht wenig. Dass das Material aber noch deutlicher als auf dem Erstling die Qualität von Lessmanns Referenzwerk Fireworks erreicht, verblüfft. »Vielleicht liegt es daran, dass bei Phantom 5 das Teamwork so stimmt, wie es damals bei Bonfire auch der Fall war«, überlegt der Sänger. »Wie in jeder Beziehung ist auch unter Musikern wichtig, dass die Chemie stimmt, dass man respektvoll miteinander umgeht und Vertrauen da ist. Auf dieser Basis kann man erfolgreich arbeiten. Dazu kommt, dass die Konstellation mit Vossi und Robby noch immer frisch ist. Obwohl die Spielregeln bekannt sind und wir ganz einfach die Musik machen, die wir am besten können, entdecke ich vieles wieder neu. Natürlich ist es beim Achtziger-Hardrock extrem schwierig, nicht zu vorhersehbar zu klingen — schließlich wurde in diesem Genre schon alles durchexerziert. Und deshalb haben wir sehr viel Wert auf die Details gelegt. Wir haben jeden Song einzeln aufgenommen und fertiggestellt. Oft spielen Musiker nacheinander das ganze Album ein. Erst Schlagzeug und Bass, dann kommt der Gitarrist dran, und am Ende arbeitet der Sänger in kurzer Zeit ein Lied nach dem anderen ab. Bei diesem System verlierst du manchmal den Blick für die einzelne Nummer, und das wollten wir vermeiden.«

Obwohl meist nur Lessmann die Fahrt nach Nordrhein-Westfalen ins Grevener Studio seines Kollegen Michael Voss antrat, hat der in Nürnberg ansässige Gitarrist Robby Böbel großen Anteil am Material des Albums. »Der Kerl ist ein Riff-Gott, der unglaubliche Dinge aus dem Ärmel zaubert«, zeigt sich der Sänger beeindruckt. »Michael und ich haben uns im Studio seine Sachen angehört, alles ausgearbeitet und dann der ganzen Gruppe zur Begutachtung vorgelegt. Robby war also voll involviert. Unsere Musik basiert auf seinen Ideen, denn Riffs sind bei unserem Stil einfach entscheidend.«Dass ein kritischer Blick die Qualität einer Platte nachhaltig verbessern kann, ist bekannt; nicht zuletzt deshalb werden Produzenten hinzugezogen, die häufig unbequeme Entscheidungen treffen, einer Band die Marschrichtung vorgeben und die Musiker damit zur Verzweiflung treiben können. Heute scheint dieses Korrektiv mitunter zu fehlen. »Es stimmt schon, dass du als Künstler manchmal zu nahe an deinen Stücken dran bist und nicht mehr objektiv einschätzen kannst, was für eine Scheibe am besten funktioniert.«

Play To Win allerdings klingt wie aus einem Guss und weist keine stilistischen Ausreißer auf. Neben den Musikern, die mit Michael Voss einen versierten Produzenten in den eigenen Reihen haben, ist dies auch Labelchef Serafino Perugino zu verdanken, der bei der Auswahl der Stücke das letzte Wort hatte. »Es gab einige Nummern, die das Spektrum der Scheibe hätten erweitern können«, meint Lessmann. »Als Songschreiber stinkt es dir natürlich, wenn einer deiner Lieblinge von einem Außenstehenden vom Album geschmissen wird. In Bayern sagt man: Wer zahlt, hat recht.«

Ein leidiges Thema ist für den Sänger die Frage nach möglichen Konzerten. Obwohl die Songs der beiden Alben förmlich nach einer ordentlichen Rock’n’Roll-Party schreien, ist bislang wenig passiert. »Das liegt wohl an mir«, seufzt er. »Eine Tournee mit vielen Shows am Stück will und kann ich nicht mehr spielen. Ich bin nicht mehr der Jüngste, das macht meine Stimme einfach nicht mit. Dass ich Hemmungen davor habe, die Live-Geschichte so voranzutreiben, wie es wahrscheinlich nötig wäre, hat aber vor allem einen anderen Grund. Mein früherer Bonfire-Kollege Hans Ziller hat mir in den letzten Jahren ziemlich viele Steine in den Weg geworfen. Ich habe viel Zeit beim Anwalt verbracht und dort viel Geld gelassen. Das ging teilweise so weit, dass ich Angst davor hatte, Interviews zu geben und eben auch Konzerte zu spielen. Denn wenn ein Veranstalter bei seiner Werbung den Zusatz „ex” vor Bonfire vergisst, flattert mir sofort wieder eine Unterlassungsklage ins Haus. Dabei hat er es doch überhaupt nicht nötig, mir immer schaden zu wollen. Sollten wir aber Angebote von Festivals bekommen, werde ich sicher darüber nachdenken.«

Dass der Sänger keinesfalls Angst vor großen Menschenmassen hat, stellte er kürzlich bei einem Gastauftritt im Rahmen eines Andreas Gabalier-Konzerts im Münchner Olympiastadion unter Beweis. »Das hat gutgetan und war eine tolle Erfahrung«, zeigt sich Lessmann begeistert. »Die volkstümliche Musik ist nicht unbedingt mein Zuhause, aber Gabalier ist ein super Typ, der seinen Erfolg verdient hat. Vom Lampenfieber lasse ich mich jedenfalls nicht abhalten, eine Bühne zu betreten.«