Electric Mary
Ungezügelte Ursprünglichkeit

Sieben Jahre haben Electric Mary für ihre neue Platte gebraucht, auf der sie mit zeitlos-zügellosem Heavy-Rock imponieren: Mother bringt den Geist von Humble Pie und Steve Marriott zum Flackern! Im November spielen die Australier vier Deutschland-Konzerte in folgenden Städten:
 
23.11. Hamburg, headCRASH
25.11. Berlin, Cassiopeia
26.11. Köln, MTC
27.11. Frankfurt, Nachtleben
 
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Wer sich in jungen Jahren dazu entschließt, sein Leben der Musik zu widmen und damit seinem Broterwerb nachzugehen, kann die Folgen dieser Entscheidung selten abschätzen. Die Opfer, die ein solcher Lebensweg fordert, sind meist enorm, nur wenigen gelingt der Sprung ins große Glück. Rusty Brown kann ein Lied von diesem Dilemma singen: Der bärtige Frontmann und seine Bandkumpanen beschreiten mit Electric Mary seit 15 Jahren diesen Pfad und kommen sich vor wie in einem Hamsterrad. »In Sachen Erfolg bewegen wir uns in einem sehr überschaubaren Rahmen«, schmunzelt der in Melbourne beheimatete Sänger. »Allein mit Electric Mary kommen wir nicht über die Runden, weshalb wir alle nebenbei noch andere Projekte laufen haben. Aber wir jammern nicht. Wir haben uns dieses Leben selbst ausgesucht.«

Die Gründe dafür, dass seit ihrem letzten Album III geschlagene sieben Jahre ins Land gingen, sind mannigfaltig. Besetzungswechsel, Verpflichtungen der einzelnen Bandmitglieder mit anderen Künstlern, gesundheitliche Probleme — von allem war etwas dabei. Zwischendurch hat es zumindest für die EP The Last Great Hope (2014) und den Konzertmitschnitt Alive In Hell Dorado (2016) gereicht. Wirklich zufrieden war Brown mit diesem musikalischen Ausstoß nicht. »Natürlich hat es mir schon länger in den Fingern gejuckt, neue Songs für Electric Mary zu schreiben. Aber wir konnten unsere Terminkalender eben nicht früher in Einklang bringen. Letztendlich bin ich aber überzeugt, dass die Zeit für uns gearbeitet hat. Ich mag unsere drei bisherigen Alben sehr, aber so reif und homogen wie auf Mother haben wir bislang noch nicht geklungen.«

Brown und Gitarrist Pete Robinson haben einen Großteil der neuen Songs zu verantworten, für die sie sich lediglich ein klar definiertes Ziel steckten: Alle sollten weniger metallisch klingen als der Vorgänger und ihre Verbundenheit zum Classic-Rock wieder stärker zum Vorschein kommen. »Ich liebe Bands wie Rainbow und Cheap Trick und kann mir tagein, tagaus Stormbringer von Deep Purple anhören«, erklärt der Frontmann. »Dieses Album ist perfekt, jede einzelne Note darauf essenziell. Als wir an den Songs für III gearbeitet haben, geschah das unter dem Eindruck unseres Auftritts beim französischen Hellfest 2010. Wir haben damals Motörhead, Slayer, Saxon und viele andere Bands vom Bühnenrand aus beobachtet, das hat uns alles sehr imponiert. Zumindest ein bisschen wollten wir uns damals in diese etwas härtere Richtung bewegen. Zum ersten Mal haben wir uns dann auch noch auf eine Vorproduktion eingelassen, was letztendlich zu sehr starren Songs geführt hat. Davon wollten wir uns mit Mother lösen, wieder verstärkt den Vorgaben der alten Helden aus den Siebzigern folgen. Electric Mary sollten wieder ungezügelt und geerdet zu Werke gehen.
Während in Stücken wie ›Gimme Love‹ und ›Woman‹ Led Zeppelin nachhallen, manifestiert sich in ›Long Long Day‹ die Vorliebe für die musikalische Schwere von Vertretern wie Black Sabbath. Nicht jeden Einfall konnten die Australier gleich konsistent zu Ende denken, manchmal half ihnen der Zufall auf die richtige Spur. »Das Stück ›Hold Onto What You Got‹ wollte anfangs gar nicht in Gang kommen«, erinnert sich Rusty Brown an die energetische Nummer, in der eine ganze Menge Humble Pie und Steve Marriott zu stecken scheint. »Pete jonglierte im Studio mit verschiedenen Riffs, aber so richtig zünden wollte nichts davon. Erst als unser Schlagzeuger Spyder irgendwann auf die Idee kam, das Ding mit seinem Spiel in Richtung von Hearts ›Barracuda‹ zu lenken, kam die Nummer endlich ins Rollen.«

Dass sich Electric Mary dazu entschlossen haben, für ›Woman‹ erstmals einen Videoclip zu veröffentlichen, war hingegen wohlüberlegt. Das Quintett war in den letzten Jahren des Öfteren in Europa unterwegs und spielte bereits im Vorprogramm solch gestandener Künstler wie Alice Cooper und Whitesnake, doch beschränkte sich ihre Bühnenpräsenz nahezu komplett auf den südlichen Teil des Kontinents. »Fast alle unsere bisherigen Europa-Shows fanden in Frankreich und Spanien statt«, resümiert der Sänger. »Dabei weiß jeder, dass gerade Deutschland eine Bastion der Rockmusik ist. Dort wollen wir hin, bekommen aber kaum Angebote von Konzertveranstaltern, da uns die Leute einfach nicht auf dem Schirm haben. Das Video ist der Versuch, Electric Mary bekannter zu machen. Vor allem bei jüngeren Fans, die sich ihre Infos im Internet holen.«

Die ursprüngliche Idee, auch das Album nach diesem Song zu benennen, verwirft die Band im Laufe der Produktion. Brown befürchtet, dass »die Leute diesen Titel als zu klischeehaft« empfinden könnten. Die Verbindung zu seiner an Demenz erkrankten Mutter ist schließlich der Auslöser für den letzten Endes auserkorenen Namen der Scheibe. »Einerseits war es dieses Familienband, anderseits das Bild, das nun unsere Platte ziert«, erläutert Brown. »Mutter — ein Wort, das nicht nur für die Frau steht, die dir das Leben schenkt. Auch unser Planet trägt den Namen Mutter Erde nicht umsonst — leider verdrängen wir das zu oft und behandeln ihn nicht so, wie er es verdient hat.«

Dass sich Brown nicht auf Rock’n’Roll-Klischees festnageln lässt, zeigt sich auch in dem Stück ›It’s Alright‹. Darin beschäftigt sich der Frontmann mit den dunklen Seiten der menschlichen Seele, ohne Schwarzmalerei zu betreiben. »Ich weiß wie es ist, wenn Schatten über dich herfallen und du in einem mentalen Loch festsitzt. Das habe ich am eigenen Leib erfahren, in meinem Umfeld gab es weitere Fälle. Vor zwanzig Jahren habe ich einen Mitmusiker verloren, weil er sich in einer solch düsteren Phase das Leben nahm. Dagegen will ich mit dem Stück ankämpfen. Niemand ist schlecht, weil ihn derartige Geister plagen. Man muss den Menschen Halt geben, ihnen beistehen und das Licht am Ende des Tunnels zeigen. Ein positiver Song über ein Thema, dem man an sich nichts Positives abgewinnen kann.« (Text: Peter Engelking)