Eddie Money
Brand New Day erscheint posthum

Hits wie ›Two Tickets To Paradise‹ und ›Shakin’‹ machten Eddie Money​ unsterblich — am 13. September verstarb der amerikanische Rock-Star mit 70 an einer Krebserkrankung. Seit heute ist sein letztes Album zu bekommen. Zumindest ein Teil davon: Brand New Day gibt's derzeit ausschließlich als kostenpflichtigen Download mit fünf anstelle der elf angekündigten Songs, von denen ›Shame On Me‹, ›California Dream‹ besonders begeistern.
 
Dem am 21. März 1949 im New Yorker Stadtteil Brooklyn als Sohn eines Streifenpolizisten geborenen Edward Joseph Mahoney schien eigentlich ein ganz anderer Lebensweg vorbestimmt zu sein. Als eins der wenigen weißen Kids in einem hauptsächlich von Schwarzen bevölkerten Vorort, muss er früh lernen, sich zu behaupten, später besucht er in Long Island die Polizeiakademie. Ein zweijähriger Polizeidienst bewahrt ihn vor der Einberufung nach Vietnam.

Als überzeugter Hippie protestiert er öffentlich gegen den Krieg in Südostasien und macht sich für die Legalisierung weicher Drogen stark, was sich mit seinem Beruf nicht länger vereinbaren lässt: Er quittiert den Dienst, als verstärkt Gerüchte über korrupte Cops laut werden, die in Drogengeschäfte verwickelt sind und von Prostitution und Alkoholverkauf profitieren. Erfolglos tritt er mit seiner nach dem John Steinbeck-Roman The Grapes Of Wrath (Die Früchte des Zorns) benannten Band in Clubs und Bars auf, wo er Rock- und Soul-Klassiker und ein paar eigene Lieder spielt. Bis ihn eine Begegnung, die er später in dem autobiografischen Song ›Life For The Taking‹ verarbeitet, zu einer einschneidenden Kursänderung veranlasst.

»Ich sah einen alten Mann im Bus mit unglaublich müdem Blick. Da wurde mir klar, dass ich jetzt das Richtige tun musste, damit ich später nicht auf ein Leben voller verpasster Chancen zurückblicken würde«, begründete er seine Entscheidung, die Stadt mit seinen Dylan-Scheiben unterm Arm in Richtung Westküste zu verlassen. Im kalifornischen Berkeley bei San Francisco lebt er den Hippie-Lifestyle exzessiv, nimmt Klavier-Unterricht und verdient als Sänger in den örtlichen Clubs weit weniger, als zum Überleben notwendig gewesen wäre. Kurz nach dem Tod ihrer Frontfrau Janis Joplin schließt er sich vorübergehend ihrer Begleitband Big Brother And The Holding Company an: Sein Sprungbrett in den Erfolg.

Der Frischling mit der heiseren Stimme wird vom Sony-Konzern entdeckt, ändert seinen Nachnamen in Money und arbeitet mit einem erlesenen Team im Studio, das von Doors-Produzenten Bruce Botnick und Led Zeppelin-Engineer Andy Johns angeführt wird. Neben Bassist Lonnie Turner und Schlagzeuger Gary Mallaber, die gerade mit dem Steve Miller-Album Fly Like An Eagle einen exorbitanten Hit gelandet hatten, stehen ihm Gitarrist Jimmy Lyon und Keyboarder Alan Pasqua zur Seite, der später mit Gitarrist Dann Huff die Melodic-Giganten Giant gründen wird.

1978 erscheint das Debüt Eddie Money, das der Sänger, in Ermangelung des noch nicht geprägten Begriffes AOR, »Popmusik in ein Hardrock-Gewand gekleidet« nannte. Sein Einstand ist ein mustergültiges Vorzeigeobjekt des erblühenden Genres: Die Songs sind mit unwiderstehlichem Hitappeal gesegnet, dank Lyons brillanter Gitarrenarbeit aber auch mit genügend Ecken und Kanten, um die Rocker zufriedenzustellen.

Und die dezente Soul-Grundierung seiner Melodien ist von der Art, wie sie ein Michael Bolton bald zu seinem Markenzeichen machen wird. Während ihm das melancholische ›Baby Hold On‹ seine erste von insgesamt 24 Hitsingles beschert und auch ›Two Tickets To Paradise‹ die Hitparaden erstürmt, erschließt sich Money mit der Coverversion des Smokey Robinson-Klassikers ›You Really Got A Hold On Me‹ unerwartete Bewundererkreise.

Wenige Monate später gießt er Life For The Taking in Form. Neben der bewährten Debüt-Mannschaft stehen Money Cracks wie Stones-Pianist Nicky Hopkins zur Seite, und auch Jackson Browne-Gitarrist David Lindley steuert eins seiner berühmten Bottleneck-Soli bei. Die Hit-Ausbeute fällt jedoch moderat aus und die schwülstigen Disco-Anklänge in ›Maybe I’m A Fool‹ und ›Maureen‹ rufen die Kritiker auf den Plan. Die Achtziger sind Money von Anfang an nicht geheuer, sagte er.

»Ich besaß plötzlich sogar einen Anteil am Roosevelt Hotel in Hollywood! Nur hatte ich keine Gelegenheit, mein Geld auszugeben. Das übernahmen andere. Es heißt nicht umsonst, je mehr man bekommt, desto mehr bekommt man genommen. Ich habe mir nie etwas aus einem aufwändigen Lebensstil gemacht und auch nie die schlechten Zeiten vergessen, als ich auf dem Fußboden von irgendwelchen Mädels schlief und froh war, wenn sie mir ein paar Dollar zusteckten, damit ich mir etwas zu essen kaufen konnte. Aber einen Luxus habe ich mir schon gegönnt: Ich habe mir einen Mercedes gekauft. Gebraucht.«

Seine Plattenfirma steckt dreihunderttausend Dollar in die Produktion von Playing For Keeps (1980). Produzent Bruce Botnick wurde durch den exzentrischen und deutlich teureren Ron Nevison abgelöst. »Vom Sound her ist Playing For Keeps bis heute meine beste Scheibe«, redete Money sich ein Album schön, dessen imposantes Klangbild nicht über die Blutleere der darauf untergebrachten Lieder hinwegtäuschen kann.

Kommerziell gerät die Scheibe zum Desaster. »Ich hatte urplötzlich Schulden und dieses Gefühl behagte mir überhaupt nicht. Ich habe immer sorglos von einem Tag zum anderen gelebt, dachte immer nur an neue Lieder und plötzlich war ich gezwungen, Geld zurückzuzahlen, das ich nie für diese Platte hatte ausgeben wollen.«

Der Konsum von Wodka, Bier und Kokain wird zum alltäglichen Ritual; eine Überdosis, die sein Management der Öffentlichkeit als Lebensmittelvergiftung verkauft, holt Money auf rabiate Weise aus der Schockstarre: Nach dem Konsum eines synthetischen Pulvers unbekannter Zusammensetzung, erwacht er nach 14-stündiger Bewusstlosigkeit in einem Krankenhaus, wo eine fatale Schädigung von Nieren und Ischiasnerv diagnostiziert wird. Schmerzhafte Behandlungen und Entzugsprogramme zwingen ihn aus der Öffentlichkeit, ein Jahr später erinnert nur noch ein leichtes Hinken an den beinahe tödlich verlaufenen Zwischenfall.

Da seine Versicherung den Vorfall als versuchten Selbstmord deutete, weigerte sie sich, für die kostspielige Behandlung aufzukommen: Auf die künstlerische folgte die finanzielle Krise. »Was Edward Mahoney in vielen anstrengenden Jahren erschaffen hatte, hat Eddie Money in einer einzigen Nacht zerstört.«

Ein Hit-Album soll ihn retten: No Control, produziert von Tom Dowd (Allman Brothers, Derek & The Dominos), enthält durchweg bockstarke und dabei sehr persönliche Lieder. ›Passing By The Graveyard‹ setzt sich mit der Endlichkeit des Seins auseinander und ist seinem alten Freund und Blues Brother John Belushi gewidmet, dessen Leben in einer Suite des legendären Hotels Chateau Marmont in West-Hollywood endete, in dem er und Money manch ausschweifendes Gelage gefeiert hatten.

Amerika, das seinen Party-Rock zuletzt weitgehend ignoriert hatte, schließt die introvertierte, nachdenkliche Seite Moneys unverzüglich ins Herz — nicht zuletzt dank der beiden Mega-Hits ›Shakin’‹ und ›Think I’m In Love‹, die dem Album Verkäufe von über drei Millionen Stück bescherten und zum Besten gehören, was im Melodic- und Mainstream-Rock bis heute erschaffen wurde.

Und doch gerät Moneys Karriere zur Achterbahnfahrt. Das 1984 erschienene Where’s The Party hält den Rekord als sein schlechtester Charteinstieg überhaupt, zwei Jahre später gelingt mit Can’t Hold Back und dem gemeinsam mit Ronnie Spector eingespielten Duett ›Take Me Home Tonight‹ ein urgewaltiger Hit.

Nach dem unspektakulären Nothing To Lose zieht sich Money 1988 zeitweilig aus dem Musikgeschäft zurück, heiratet und wird stolzer Papa von fünf Kindern. Es folgen das gelungene Right Here (1991), das in der Coverversion von ›Heaven In A Backseat‹ (Romeo’s Daughter) einen weiteren Evergreen des Melodic Rock zu bieten hat, ehe er mit dem abgeklärten Akustik-Album Unplug It In in die Clubs zurückkehrt.

Mit Hilfe des Survivor-Gitarristen Frankie Sullivan beendet er 1999 die kreative Phase seiner Musikerkarriere mit der achtbaren Mainstream-Scheibe Ready Eddie, ehe Eddie Money nur noch durch versprengte Konzertauftritte und etliche Live- und Best-of-Kopplungen von sich Reden macht; als Gelegenheitsschauspieler ist er in einer Folge der dauerbrennenden Sitcom King Of Queens an der Seite des amerikanischen Star-Komikers und bekennenden Money-Fans Kevin James zu sehen.

Eddie Money verstand sich gern als der hart schuftende Rock’n’Roll-Arbeiter, der trotz vieler Nackenschläge seinen Humor nie verloren hat. »Ich kam in dieses Geschäft mit nichts als meiner Stimme und großem Selbstvertrauen. Nun besitze ich ein Haus und ein Auto. Das nenne ich Erfolg.«

Das 2007 veröffentlichte Album Wanna Go Back enthielt ausschließlich Coverversionen alter Rock’n’Roll- und Soul-Klassiker aus den sechziger Jahren und blieb seine letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Platte: Das 2019 eingespielte Brand New Day wurde mehrfach verschoben und erscheint nun posthum.