Camel
Mirage: Der Mut zum eigenen Weg

Während Yes, Pink Floyd und Genesis schnell den Sprung in die Prog-Arenen schafften, blieben Camel mehr Kult denn Ikone. Die organische Klangästhetik ihrer Frühwerke ist bis heute unerreicht — heute vor 46 Jahren erschien ihr zweites Album Mirage.

»Damals war ich fest davon überzeugt, dass King Crimson oder Yes länger Insidertipps bleiben würden als wir«, erzählt der heute 70-jährige Sänger, Gitarrist, Flötist und Gelegenheits-Keyboarder Andrew Latimer, der nie ganz einverstanden damit war, mit Camel in die Progressive-Schublade einsortiert zu werden. »Ihre Musik war ja wesentlich schwerer zugänglich als unsere, viel technischer und komplexer. Uns dagegen wurde immer eine gewisse Schwerfälligkeit nachgesagt.«

Frei von Raffinesse ist der Sound seiner Band freilich nicht. Stärker als viele Genre-Nachbarn baut sein Quartett auf Atmosphäre und verzichtet auf pompöse Kraftmeierei. Dabei profitiert es ebenso von Andy Wards jazzig-swingendem Schlagzeugunterbau wie von den ausufernden Improvisationstrecken, die Camel in ihren verträumten Kompositionen in aller Seelenruhe vorüberziehen lassen — mit Peter Bardens vielfarbigen Tastenklängen und Latimers flüssig-entspannten Gitarrensoli als Mittelpunkt.

Beim Progressive-Rock landet der in der südenglischen Grafschaft Surrey geborene Multiinstrumentalist eher zufällig. Anfang der Sechziger spielt er mit den späteren Camel-Kumpanen Doug Ferguson am Bass und Andy Ward in einem Trio namens The Brew. Sie wecken das Interesse einer Plattenfirma, die das Trio 1971 in ein Tonstudio lotst: Als Begleitmusiker von Phillip Goodhand-Tait sind sie auf dessen LP I Think I'll Write A Song zu hören.

Andrew Latimer sucht neue Klangperspektiven und hält Ausschau nach einem Keyboarder. Auf eine Anzeige meldet sich in Peter Bardens ein gefragter Bursche aus London, der zuvor bereits mit Van Morrisons Them und Mick Fleetwood zusammengearbeitet hatte.

Die Gruppe unterschreibt einen Plattenvertrag bei MCA und ändert den Namen in Camel. Ihr nach sich selbst benanntes Debüt erscheint im Frühjahr 1973: Ein kauziges und sehr direktes Jazz-Rock-Album mit Psychedelic-Schlieren und voll mit böse röhrender Hammond-Orgel, auf dem sich das Ensemble längst nicht nur im Abschluss ›Arubaluba‹ verblüffend hart geriert.

Im November begibt sich das Quartett für weitere Plattenaufnahmen in die Londoner Basing Street Studios und bringt zukünftige Klassiker wie ›Lady Fantasy‹ (wird zum traditionellen Konzertabschluss) und das rasante Instrumental ›Earthrise‹ auf Tonband. »Die Stücke entstanden in Teamarbeit, und wir haben uns mehr zugetraut. Vor allem wussten wir instinktiv, was funktionieren würde und was nicht«, erinnert sich Latimer, der auf dem entstehenden und über Decca veröffentlichten Album Mirage erstmals zur Flöte greift.

Produzent David Hitchcock, der im Vorjahr mit Genesis an Foxtrot gearbeitet hatte, ermutigt die Truppe zu einer ambitionierten Mammutkomposition: In ›Nimrodel/The Procession/The White Rider‹ entsteht ein elegisches, von Mellotron und Minimoog verziertes Epos über neun Minuten, inspiriert von Tolkiens Romanvorlage Der Herr der Ringe — es bliebt nicht die letzte Literatur-Adaption in der Geschichte von Camel.Mirage gerät zu einem Meisterstück und Genre-Klassiker, der bis heute nichts an Reiz und Tragweite verloren hat. Aufsehen erregt auch die Plattenhülle: Speziell in Amerika kam das der Verpackung einer bekannten Zigarettenmarke nachempfundene Artwork gar nicht gut an, lacht Latimer.

»Die wollten ihre Marke auf gar keinen Fall mit Rock’n’Roll in Verbindung gebracht wissen. Ihre Kippen sollten von toughen Männern geraucht werden und um Gottes Willen nicht von Teenagern, die sich unsere Platten kauften. Sie haben uns mit einer Klage gedroht, wenn wir das Cover nicht wieder ändern würden.« Tatsächlich steckt Mirage in den USA in einer anderen Hülle, die das comicnahe Kamel-Konzept des Erstlings fortsetzt.

In Europa hingegen zeigt sich die Zigarettenfirma hellauf begeistert und bietet Camel spontan einen Sponsoren-Deal an, produziert kleine Zigarettenschachteln im Mirage-Design und lässt sie bei den Konzerten im Publikum verteilen.

Schon bald nehmen Camel den lukrativen US-Markt ins Visier und gehen in Amerika auf Konzertreise. Zunächst noch im Paket mit Wishbone Ash, dann schließlich auf sich selbst gestellt — die gute Resonanz verleiht ihnen Flügel.