Skills

Vereinte Handwerkskunst

Sein Herz hängt an der eigenen Band Electric Mob. Doch erst die Projekte Brother Against Brother und Magnus Karlsson’s Free Fall brachten den stimmgewaltigen Sänger Renan Zonta ins Rampenlicht. Nun sollen dem Brasilianer prominente Kollegen zu größerer Aufmerksamkeit verhelfen.

TEXT: MARTIN RÖMPP |FOTO: Enzo Mazzeo / Frontiers Records

Die Liste der hochkarätigen Bands, in denen Bass-Legende Billy Sheehan aktiv war und ist, weiß zu beeindrucken: Bei Mr. Big, David Lee Roth, Talas, den Winery Dogs oder den Sons Of Apollo hat der heute 69-Jährige der Musik mit dominantem Spiel seinen Stempel aufgedrückt. Auch Brad Gillis zählt zu den Größen seines Fachs: Er hat nicht nur 1982 Ozzy Osbourne nach dem Tod von Randy Rhoads meisterhaft die Tour gerettet, sondern feiert auch mit seiner Band Night Ranger seit vier Jahrzehnten beträchtliche Erfolge. Ganz mithalten kann Schlagzeuger David Huff da nicht, aber speziell die ersten beiden Alben seiner einst von Bruder Dann angeführten Band Giant werden noch heute von Genrekennern zu den herausragendsten Melodic-Rock-Scheiben gezählt.

Beim Projekt Skills fungieren alle drei als Begleitmusiker für das brasilianische Gesangstalent Renan Zonta — ein Umstand, der bei dem 27-Jährigen gemischte Gefühle auslöst, wie er offen zugibt. »Ich war ehrlich gesagt anfangs nicht begeistert von der Idee, an einem weiteren Projekt beteiligt zu sein, schließlich hängen mein Herz und meine Seele an Electric Mob«, bricht Zonta eine Lanze für seine Led Zeppelin, Rival Sons und Soundgarden fusionierende Band, die er vor sechs Jahren in Curitiba gemeinsam mit drei Freunden gründete und deren Album Discharge ihn 2020 ins internationale Musikgeschäft brachte. »Als ich dann aber erfahren habe, dass Billy und Brad beteiligt sein werden, konnte ich kaum Nein sagen — sonst hätte mir mein alter Herr wohl die Ohren lang gezogen. Für ihn sind die beiden auch große Helden.«



Als musikalischer Mentor nimmt Vater Zonta eine wichtige Rolle im Leben des Sängers ein, der in seiner Heimat Brasilien vor rund sechs Jahren durch die Teilnahme an der TV-Talentshow The Voice erste Beachtung fand. Bereits als vierjähriger Knirps von Iron Maidens Killers-Plattenhülle schwer beeindruckt, hat Renan Zonta von der musikalischen Vielseitigkeit seines Elternhauses profitiert. »Mein Vater steht auf die härtere Schiene und hat gerne Motörhead, Metallica oder Venom durch die Boxen gejagt, während meine Mutter eher die sanfteren AOR-Klänge von Journey oder Poprock wie Starship bevorzugt. Kein Wunder also, dass ich sowohl auf Metal als auch auf Classic Rock stehe und kein Problem damit habe, nach einer Obituary-Scheibe was von Creedence Clearwater Revival aufzulegen.«



Different Worlds ist ein gutklassiges Projekt-Album, dem die zumindest als Musiker involvierten Großnamen allerdings mehr schaden als dass sie es aufwerten: dafür wirken sie viel zu unscheinbar. Gerade Sheehans sonst immer markantes Bassspiel lässt sich nur in Ausnahmefällen wie ›Blame It On The Night‹ heraushören. Der Mangel an Charisma, dem die Verpflichtung großer Namen eigentlich entgegenwirken soll, schmälert Renan Zontas Begeisterung über das Ergebnis kaum. »Billy mag nicht so dominant im Vordergrund stehen, wie man es von seinen anderen Betätigungsfeldern gewohnt ist. Er selbst war aber total zufrieden mit der Scheibe und hat es genossen, mal in einem anderen Kontext als üblich zu arbeiten.«

Dass keiner seiner Projektkollegen am Songwriting für Skills beteiligt war und alle gerade mal ihr spielerisches Talent eingebracht haben, sei nicht seine Entscheidung gewesen, versichert der Sänger, der allerdings selbst kreativ eingreifen konnte.



»Unser Produzent Alessandro Del Vecchio hat mir einen ganzen Batzen Songs geschickt. Einige davon waren komplett fertig, zu anderen konnte ich Texte und Gesangslinien beisteuern. Auch wenn ich mit dem Resultat sehr glücklich bin, gibt es natürlich Dinge, die ich persönlich in Zukunft anders machen würde. Ich mag jung sein, bin aber mit der altmodischen Arbeitsweise früherer Zeiten groß geworden. Ich weiß, wie wichtig es ist, mit meiner Band im Proberaum zu stehen, neue Stücke zu erarbeiten und sich gegenseitig anzutreiben. Ich hätte mich liebend gerne mit Billy, Brad und David getroffen, um die Platte gemeinsam aufzunehmen, aber da hat uns auch die Covid-Situation einen Strich durch die Rechnung gemacht. Immerhin standen wir häufig durch Videochats in Kontakt. Und obwohl mich die Jungs vorher nicht kannten, haben sie mich mit Respekt behandelt und mir das Gefühl gegeben, auf Augenhöhe zu sein.«


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