Beth Hart

Das Gebet der Furie

Zuweilen schafft es Beth Hart, sich selbst zu überraschen: Auf A Tribute To Led Zeppelin haucht die kalifornische Rock- und Soul-Diva Songs der britischen Heavy-Legende ihre eigene Seele ein.

TEXT: THOMAS ZIMMER |FOTO: Roxanne De Roode

Songs anderer Komponisten zu ihren eigenen zu machen, ist für Beth Hart nicht neu. Die Sängerin versteht es exzellent, in ihren Interpretationen auch fremde Lieder emotional aufzuladen. Zuletzt hatte sie auf Black Coffee (2018) bekannte Stücke von Edgar Winter, Ray Charles, Etta James, Ella Fitzgerald, Peggy Lee und anderen versammelt — allesamt Künstler, deren Musik auf den ersten Blick weit entfernt ist vom vergleichsweise schweren, rohen Sound Led Zeppelins. Andererseits hatte die Sängerin bereits 2004 bei einem Auftritt im Paradiso in Amsterdam mit einer furiosen Darbietung von ›Whole Lotta Love‹ aufhorchen lassen.

Eben dieser Song, den sie danach immer mal wieder bei Konzerten spielte, gab letztlich die Initialzündung für ihr A Tribute To Led Zeppelin. Als die Amerikanerin 2019 mit Produzent Rob Cavallo (Green Day, Linkin Park, My Chemical Romance) im Studio arbeitete, schlug ihr dieser während einer Pause vor, auf ein orchestrales Arrangement eben dieses Titels zu singen. »Ich hab’s gemacht und danach zu ihm rübergeschaut, ob es in Ordnung wäre. Aber er meinte bloß: Prima, dann lass uns mal wieder an die Arbeit gehen.«



Wenig später allerdings klingelt bei Beth Hart das Telefon, und ihr Manager unterbreitet ihr eine Idee des Produzenten. Der hatte etliche Led Zeppelin-Stücke mit Band und einem 88 Mann starken Orchester für ein Broadway-Projekt aufgenommen, das aber nicht realisiert wurde. Alles war fix und fertig vorhanden, es fehlte lediglich Gesang: Die Idee drängte sich förmlich auf, ein Beth Hart-Album als Tribut an Led Zeppelin daraus machen. Doch die Umworbene sträubt sich zunächst — aus sehr persönlichen Gründen.

»Ich bin jetzt 19 Jahre lang auf Medikamenten, seit ich als bipolar diagnostiziert wurde. Sehr heftiges Zeug, das meine Wut dämpfen soll. Um Zeppelin richtig zu spielen, muss man aber wütend sein. Außerdem dachte ich, das sei als Frau eh völlig unmöglich. Led Zeppelin ist schließlich die ultimative Männerwelt.«

Ihre Einstellung ändert sich, als die durch Pandemie und Lockdown ausgelöste Frustration die Künstlerin voll erwischt. Man spürt ihre Wut noch im Interview: Hart wird sehr laut und redet sich minutenlang in Rage. »Ich komme von meiner Tour nach Hause, die Welt geht in den Lockdown, wir haben unseren netten Herrn Trump, der ständig Benzin ins Feuer gießt, da sind die Verschwörungstheorien, all der ganze Bullshit! Das war einfach zu viel, zu furchteinflößend. Und wenn ich Angst bekomme, dann werde ich wütend. Wirklich verdammt wütend. Das ist meine Art, meine Traurigkeit oder meine Angst zu überwinden.«



Mächtig was rauslassen

Und plötzlich beginnt sie, sich mit der Welt von Jimmy Page und Robert Plant vertraut zu machen. »Ehrlich gesagt kannte ich sie nicht wirklich, von ›Whole Lotta Love‹ mal abgesehen«, gibt sie zu. »Ich habe mein Leben lang vor allem Jazz, Reggae und Soul gehört. Otis Redding und Gospels und etwas Pop wie Aretha Franklin oder James Taylor. Und natürlich Blues: Robert Johnson, Etta James. Wenn es um Heavy Rock ging, war ich sofort bei Black Sabbath oder Rush. Alles musste düster sein, das hat mich magisch angezogen. Wenn ich im Radio von Led Zeppelin Songs wie ›Dancing Days‹ oder ›Stairway To Heaven‹ hörte, war das für mich Pop.«

A Tribute To Led Zeppelin versammelt elf Songs, darunter zwei Medleys. Die Stücke halten sich musikalisch weitgehend nahe an den Originalen, sind mit orchestralen Arrangements angefettet und doch nie überladen. Die mächtige Produktion überhöht die breitbeinige Attitüde zusätzlich, in der sich Session-Musiker wie Gitarrist Tim Pierce (Rick Springfield, Tina Turner), Bassist Chris Chaney (Jane’s Addiction, Rob Zombie, Slash), Keyboarder Jamie Muhoberac (Bob Dylan, Iggy Pop, Rolling Stones), die Schlagzeuger Dorian Crozier (Celine Dion, Miley Cyrus, Joe Cocker) und Matt Laug (Alanis Morissette, Alice Cooper) austoben. Der weiteste Interpretationsspielraum wird der Sängerin gewährt, die sich akribisch auf ihre Aufgabe vorbereitet.



»Ich musste genau lernen, wie Plant ein Stück singt und herausfinden, worum oder um wen es in den Songs jeweils geht. Dann musste ich ergründen, was sie mir persönlich bedeuten. Ich habe zu jedem dieser Songs meine ganz eigene Geschichte. Wenn mir beides bei einem Stück nicht gelang, konnte ich es nicht singen. Insgesamt haben wir 16 Lieder aufgenommen, es hat also nicht immer funktioniert. Wir haben für alles etwa ein Jahr gebraucht, in dem ich so viel gelernt habe! Über die Brillanz von Jimmy Page, das krasse Niveau seines Songwritings und seine Fähigkeiten als Produzent. Und über Plant. Ich habe entdeckt, dass er sehr viele Gedichte gelesen haben muss. Man erkennt es an seinem poetischen Vokabular. Meinen eigenen Zugang zu finden, war nicht immer einfach. Bei ›The Crunge‹ dachte ich, ich hätte dafür nicht das Talent, ich hatte nicht mal eine Ahnung, was das überhaupt ist. Da sind so viele Taktwechsel drin. Und dann läuft die Gesangslinie drüber, das konnte ich nicht. Bis ich erkannte: Es ist eine Hommage an James Brown, und ich war süchtig nach James Brown. Der größter Motherfucker aller Zeiten, Erfinder des Funk, unglaublicher Performer — und was für ein Songschreiber! Von da an war es ein Spaß, ›The Crunge‹ zu lernen.«



Das Gebet der Furie

Eine besonders harte Nuss sei für die Sängerin ›Stairway To Heaven‹ gewesen, erzählt sie. »Ich wollte den Song eigentlich nicht anrühren, er erinnert mich zu sehr an meine Schwester Sharon und alles, was sie durchmachen musste.« Harts ältere Schwester war jung an den Komplikationen einer AIDS-Erkrankung gestorben. Im ersten Teil ihrer Interpretation hält sie sich auffällig zurück, ihr Gesang wirkt melancholisch und intim — ganz anders als Robert Plants dramatischere Vorlage.

Erst am Ende lässt sie ihren Emotionen freien Lauf und verwandelt sich in eine wütende Furie. »Für mich ist das ein Gebet. Bei Beerdigungen wird oft ›Amazing Grace‹ gesungen. Ich würde dann ›Stairway To Heaven‹ singen. Das konnte ich nicht aggressiv angehen. Der Grund, warum ich es im Schlussteil doch aggressiv singe, ist zum einen der Respekt für den Song und meine Wut darüber, dass ich keine Hoffnung hatte, obwohl es eigentlich immer Hoffnung gibt, im Leben wie im Tod. Wenn ich also am Ende schreie, ist das nichts Negatives, sondern etwas Befreiendes.«

Für die Aufnahmen ließ sie sich das benötigte Studio-Equipment nach Hause liefern und hielt die Verbindung mit Produzent und Toningenieur via Zoom. Beim Einsingen galt die Devise, das spontane Gefühl einzufangen. »Wir machen nie mehr als zwei oder drei Takes. Wenn du einmal damit anfängst, dann machst du es nur für dein Ego. Als Musiker sollten wir wissen: Es geht nie um uns, sondern immer um den Song. Rob versteht das. Ihm hat manchmal sogar ein Take gereicht.«



Als Grundlage für ihre Gesangaufnahmen lieferte Rob Cavallo ihr einen ungewöhnlichen Mix: im Vordergrund das Orchester, die Band weit in den Hintergrund gemischt. »Erst später hat er die Band im Mix nach vorn geholt. Das hatte ich vorher nicht so gehört, und ich war überrascht. ›Babe I’m Gonna Leave You‹ war der erste Song, den er mir vorspielte. Ich bin auf die Knie gefallen und habe ihm dafür gedankt, dass er mich dazu gedrängt hatte, dieses Projekt zu machen.«

Für Beth Hart steht außer Frage, dass einige Stücke des Albums bei den anstehenden Deutschland-Konzerten im Sommer Bestandteil ihres Programms sein werden. »Wir werden immer mindestens zwei Zeppelin-Songs spielen, vielleicht auch mehr. Es wird von Show zu Show wechseln. Ich hätte es ja großartig gefunden, ›Kashmir‹ zu bringen. Aber ich glaube, es ist nicht machbar, das mit den wenigen Leuten in der Band angemessen rüberzubringen. Aber ich könnte ›Stairway To Heaven‹ irgendwann mal in einer akustischen Version bringen. Mit klassischen Gitarren, Kontrabass, einer Mandoline und Percussion. Aber noch kann ich es mir nicht vorstellen.«


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