Rage

Black In Mind

Noise
VÖ: 2020

Quartett-Phase im Dreierpack

Der Titel dieses an sich empfehlenswerten Box-Sets ist arg sinnbefreit: Als wenn die 1984 zunächst noch unter dem Namen Avenger ins Rollen gekommenen Rage jemals etwas anderes gespielt hätten als Heavy Metal. Davon abgesehen aber ist The Metal Years ein dolles Ding. Die drei hier zu Doppel-CDs erweiterten Alben bündeln das Studio-Werk der kurzlebigen Viererbesetzung der Herner Urgesteine um Bassist und Sänger Peavy Wagner, das zwischen 1994 und 1996 entstand.

Zwischen den frühen Klassikern der Trio-Inkarnation mit Gitarrist Manni Schmidt, den Kooperationen mit dem Lingua Mortis Orchestra und dem Bandschaffen der letzten zwei Dekaden kommt es in der heutigen Wahrnehmung immer wieder zu Unrecht unter die Räder. Bereits zu Trapped! (1992) hatte der Frontmann mit dem Gedanken gespielt, einen zweiten Gitarristen in die Band zu holen, um den Sound von Rage ein wenig aufzufrischen — umsetzen ließ sich sein Plan erst nach ihrem bis dahin erfolgreichsten Album The Missing Link (1993) und dem Ausstieg von Manni Schmidt. 10 Years In Rage war die letzte Veröffentlichung der Band für Noise Records, dessen Betitelung 1994 auf eine Best-of-Kopplung schließen ließ, tatsächlich aber elf brandneue Songs enthielt, die Wagner mit seiner neu formierten Gruppe aus Riff- und Fragment-Funden der zurückliegenden zehn Jahre zusammengestellt hatte.

Mit Sven Fischer (Pyracanda) und Spiros Efthimiadis (der Bruder von Schlagzeuger Chris war ein unbefleckter Gitarrist ohne vorherige Banderfahrung) als Saitendoppel gewannen Rage an Melodie und Detailtiefe und klangen bedeutend voller, aggressiver und schwerer; spätestens ab Black In Mind (1995) liegt ein Hauch von Metallica in der Herner Ruhrpott-Luft. Der bockstarke Titelsong, ›The Crawling Chaos‹, ›Alive But Dead‹, ›Sent By The Devil‹ und ›All This Time‹ sind die Eckpfeiler einer der besten und spannendsten Rage-Platten überhaupt, die sich aber auch Kritik gefallen lassen muss: Der heftige Riff-Überschwang klang und klingt auf CD zuweilen etwas diffus.

Ein Jahr später hatten Rage dies deutlich besser unter Kontrolle. In End Of All Days ließen sie ein aufgeräumtes und griffiges Album entstehen, auf dem das Klangzusammenspiel des enorm wirkungsstarken Schlagzeugs und der Gitarren recht natürlich, sehr räumlich und ungemein wuchtvoll gelingt (›Deep In The Blackest Hole‹, ›Higher Than The Sky‹, ›End Of All Days‹) und sogar Platz für schmückende Tremolo-Sounds findet: Zumindest die Produktion hat hier nun einiges von Load. Noch mehr als bei Black In Mind macht sich allerdings die Länge bemerkbar, denn 17 Songs sind gute sechs zu viel für das nichtsdestotrotz gnadenlos verkannte End Of All Days. Dessen zweite CD beinhaltet zahlreiche Demo- und Live-Sessions, die zusätzliche Einblicke in das Zusammenspiel und das Zusammenwirken dieser Besetzung geben — unter anderem ist das Rush-Cover ›Tom Sawyer‹ mit dabei.

Die zweite CD von 10 Years In Rage enthält die auf der Tournee zu End Of All Days mitgeschnittene Japan-Live-EP From The Vault sowie das Priest-Cover ›Jawbreaker‹, ›Forgive But Don’t Forget‹ und ›Tie The Rope‹ von der EP Higher Than The Sky. Die Begleit-CD zu Black In Mind versammelt überwiegend Demo-Fassungen sowie drei Überbleibsel (darunter das Spandau Ballet-Cover ›Through The Barricades‹). Wie zuvor bereits Black In Mind sind auch die beiden anderen Doppel-CDs separat erhältlich.

 

(8.5/10)
TEXT: DANIEL BÖHM

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