Jethro Tull

Die eigenen Ansichten überdenken

Er gehört zu jenen Menschen, die man — halb ehrfürchtig, halb stirnrunzelnd — gemeinhin als „Original“ bezeichnet. Manche halten den in Schottland geborenen und heute auf einem 250 Jahre alten Landanwesen in England lebenden Ian Anderson auch für einen griesgrämigen alten Grantler.

TEXT: STEFFEN RÜTH |FOTO: InsideOut Music

Im Gespräch über The Zealot Gene gibt sich der Gründer, Kopf und Querflötist der seit 1967 zwischen Progressive-, Folk- und Hardrock oszillierenden Jethro Tull für seine Verhältnisse geradezu freundlich: Sein erstes Album unter dem ehrwürdigen Bandnamen nach 18 Jahren.

Ian, erstmals seit 2003 veröffentlichst du wieder ein Album unter dem Bandnamen Jethro Tull und nicht als Ian Anderson. Was steckt hinter dieser Entscheidung?
»Der grundlegende Beschluss, ein neues Album zu machen, reifte bei mir wie so oft an einem 1. Januar um 9 Uhr morgens, in diesem Fall sprechen wir vom Jahr 2017. In den folgenden Monaten kristallisierte sich dann heraus, dass da ein Band-Album im Entstehen war. Ich merkte einfach, dass ich für fünf Menschen und ihre Instrumente schrieb, also dachte ich mir, wir nennen es jetzt einfach Jethro Tull. Zumal die Musiker der aktuellen Besetzung im Schnitt schon seit fünfzehn Jahren bei mir zusammenspielen und hunderte von Konzerten mit mir absolviert haben. Das aktuelle Line-up von Jethro Tull ist sogar das beständigste, das wir je hatten.«

Von Januar 2017 bis Januar 2022 sind es fünf Jahre. Da habt ihr es aber eher bedächtig angehen lassen.
»Wir hatten 2017 schon sieben Songs aufgenommen, auch die übrigen waren bereits größtenteils fertig komponiert. Allerdings haben wir die Platte nicht vollenden können, weil wir zwei Jahre auf Tournee waren und danach die Pandemie einfach alles durchkreuzt hat. Anfang letzten Jahres habe ich das Warten auf bessere Zeiten aufgegeben und die restlichen Lieder dann im Alleingang eingespielt. Einige dieser späten Songs sind akustischer und klanglich luftiger geraten, was einen schönen Kontrast und eine erkleckliche Bandbreite ergeben hat. Mich selbst erinnert die Mischung an Aqualung von 1971, das ähnlich strukturiert war zwischen härterem Rock und ruhigeren Akustiknummern.«



Aqualung ist eins eurer zentralen Alben und mit Klassikern wie ›Locomotive Breath‹ ein Meilenstein der Rockmusik. Wie sehr ist dem 74-jährigen Ian Anderson der 23 Jahre alte Jungspund heute noch vertraut?
»Körperlich hat sich eine Menge getan, und nichts davon zum Guten. Der Schock stellt sich immer dann ein, wenn ich in den Spiegel gucke. Aber so im Großen und Ganzen denke ich nicht, dass ich ein anderer Mensch geworden bin. Ich bin mir und meinen Werten, meinen Ansichten soweit treu geblieben, gerade was Themen wie die Bedeutung einer intakten Natur und nachhaltiges Leben, die Gefahren der Überbevölkerung oder auch Fragen von Religion und Spiritualität angeht. Doch selbstredend haben wir in der westlichen Welt einschneidende Veränderungen erfahren, die Liberalität ist ungleich größer, die Diskriminierung von Minderheiten ist massiv weniger geworden, und der für mich wichtigste gesellschaftliche Fortschritt ist die Gleichberechtigung von Frauen.«

Dagegen ließe sich einwenden, dass eine wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter noch immer nicht erreicht ist.
»Als ich ein Teenager war, haben Frauen fraglos sehr viel weniger Fairness erfahren als heute.«

Das ist aber auch sechzig Jahre her.
»Trotzdem! Zumindest in unserer westlichen Welt entscheiden Frauen heute über ihre Karriere und über die Familienplanung. Das sind Meilensteine. Der Unterschied zu den Siebzigern ist gewaltig, darüber besteht aus meiner Sicht kein Zweifel, und das finde ich sehr positiv.«



Im Song ›The Zealot Gene‹ geht es um religiöse Eiferer und politische Despoten. Treibt dich die Politik in den Wahnsinn oder stachelt sie deine Kreativität an?
»Sowohl als auch. Ich halte Populismus in Verbindung mit rechtslastiger, konservativer und oft repressiver Politik für gefährlich und finde es unerträglich, wie selbst in manchen EU-Staaten und natürlich deren Nachbarländern die Medien und die Menschenrechte beschnitten werden. Wir müssen nicht weit reisen, um uns in einer repressiven und autoritären Nation wiederzufinden. Wie Extremisten an der Spitze ganze Staatsvölker gegeneinander aufwiegeln und aufbringen, ist Thema des Titelsongs. Grundsätzlich halte ich den Job eines führenden Politikers für fast so hart wie den Job des Papstes. Du kannst es einfach kaum noch jemandem recht machen.«

Hast du einen Verbesserungsvorschlag?
»Wir alle sollten unseren Gegenübern und ihren Argumenten zuhören, ohne uns gleich der Möglichkeit zu verschließen, dass auch die Überzeugungen des anderen vielleicht nicht ganz falsch sind. Es schadet niemandem, die eigenen Ansichten zu überdenken und die eigene Meinungsfreude auch mal zu zügeln. Generell beäuge ich Menschen mit Skepsis, die ideologisch festgefahren sind.«

Du bist seit über einem halben Jahrhundert einer der findigsten und einflussreichsten Rockmusiker. Siehst du Jethro Tull auch als einen Dienst an der Gemeinschaft an?
»Nein, meine Musik mache ich, wie wohl die meisten Menschen, die einer künstlerischen Betätigung nachgehen, schon in erster Linie für mich selbst. Wenn du zu sehr an dein Publikum denkst, korrumpiert das nur deine Entscheidungen und schlussendlich deine Kunst.«



Religion ist ein zentrales Thema auf The Zealot Gene. Du lässt sich in vielen Songtexten mehr oder weniger unmittelbar von der Bibel inspirieren. Glaubst du an Gott?
»Ich glaube an Wahrscheinlichkeiten und an die Wissenschaft. Die Bibel ist für mich ein faszinierendes Füllhorn toller Geschichten, und ich bin ein Verfechter von, wenn man so will, christlichen Qualitäten wie Einfühlsamkeit, Loyalität, Mitgefühl und Großzügigkeit. Ich denke, ich lebe überwiegend innerhalb der christlichen Ethik und Moral. Ich respektiere die christliche Kirche, so wie ich überhaupt alle Kirchen und Religionen respektiere, aber ich bin kein Christ, auch kein Moslem, kein Hindu oder sonst was.«

Du bist der mit Abstand berühmteste Querflötist der Rockgeschichte und irgendwie auch so ziemlich der Einzige. Haut es dich eigentlich selbst um, was für eine ungewöhnliche Karriere du gemacht hast?
»Es war ein totaler Glückstreffer, mich gegen die Gitarre zu entscheiden und ein anderes Instrument zur Hand zu nehmen, das damals eher zufällig die Flöte war. Aber so nahmen Jethro Tull schnell eine Ausnahmestellung ein, wir hatten einen hohen Wiedererkennungswert, eine Besonderheit. Meine glückliche Entscheidung hat zu so viel mehr geführt, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.«


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