Reviews

The Brew

A Million Dead Stars

Jazzhaus

Briten im Höhenflug

Nichts auf diesem Album erinnert an die Unsicherheiten, die das in Eigenregie umgesetzte Vorgängerwerk The Joker vereinzelt offenbarte. Zum einen liegt dies daran, dass der junge Gitarrist Jason Barwick inzwischen auch die Rolle des Sängers übernommen hat und eine ziemlich gute Figur dabei abgibt. Zum anderen hat es der dauerhaft tourenden Gruppe merklich gut getan, in einem professionellen Studio aufzunehmen und sich dabei von einem richtigen Produzenten vorteilhaft inszenieren zu lassen (Chris West betreute unter anderem Aufnahmen von Uriah Heep und Status Quo) — auch wenn A Million Dead Stars als Konserve nicht ganz an die überwältigende Intensität ihrer Konzerte heranreicht. Extrem hörenswert und wertvoll ist dieses Album aber dennoch: Das Power-Trio bricht immer wieder auf zu ausgedehnten Vergnügungstrips in die psychedelischen Winkel der Classic-Rock-Welt und errichtet sich auf dem Fundament von Einflüssen wie Jimi Hendrix, Robin Trower und Led Zeppelin eine eigene, völlig unprätentiöse Identität. Diese entwickelt besonders immer dann gehörigen Drive, wenn The Brew (wie bei ihren Konzerten) für kurze Zeit ihre Songs loslassen, sich dem Groove hingeben und einfach nur spielen: Getragen von einem fiebrigem Schlagzeug und garniert von intensiven Gitarrenausbrüchen, von denen man schwer genug bekommen kann. Anspieltipps: ›A Million Dead Stars‹, ›KAM‹, das leicht an Mother Lovebone erinnernde ›Mave The Rave‹ und ›Every Gig Has A Neighbour‹.

4
10.02.2010, Daniel Böhm
5
Durchschnittliche Leserwertung

Mastedon

3

Frontiers Records

Edel-Pomp von Elefante

19 Jahre nach Lofcaudio reaktiviert John Elefante seine Gelegenheits-Formation Mastedon — und verzaubert mit zeitlos-schönem Melodic-Rock in der Schnittmenge früher Boston (›Nowhere Without Your Love‹, ›Lying‹) und Kansas, denen er zwischen 1981 und 1984 als Sänger vorstand: Insbesondere der symphonisch-edle Zehnminüter ›One Day Down By The Lake‹ erinnert an das Frühwerk der amerikanischen Pomp-Rocker — Kansas-Gitarrist Kerry Livgren ist hier als Gast-Musiker zu hören. Mit traumhaft schönen Melodien, wunderbaren Gesangsharmonien und einem Instrumentarium, das stets mit einem Fuß auf vertrautem Kansas-Territorium verweilt: Extrem empfehlenswert — daran ändert auch die verzichtbare Neu-Interpretation von ›Dust In The Wind‹ nichts.

5
23.12.2009, Daniel Böhm
5
Durchschnittliche Leserwertung

One Man’s Trash

History

H’art

Was Bryan nicht mehr bringt

Von der Vorab-Single (vorgestellt auf der Heft-CD in ROCKS 03/2011) bis zum fertigen Album war der Weg dann doch noch länger als geplant — Survivor-Sänger Jimi Jamison war zwischenzeitlich in ein gemeinsames Projekt mit Bobby Kimball eingespannt gewesen. History hält, was ›The Restless Kind‹ versprach und bietet geerdeten Mainstream-Rock im Stil der späten Achtziger, frühen Neunziger, den Bryan Adams schon lange nicht mehr zu liefern in der Lage ist. Unterhaltsam trotz des mysteriösen Schlager-Ausfalls ›Lose My Mind‹ und des dumpf wie stumpf klingenden Nichts in ›Out Of Control‹. Die Nummern kann selbst Jamisons Stimme nicht mehr retten.

3
16.02.2012, Sebastian Kuhlmann
4
Durchschnittliche Leserwertung

Transatlantic

The Whirlwind

Inside Out

Kein Wasser in der Wundertüte

Sieben Jahre hat es gedauert, bis Neal Morse, einst Frontmann und Strippenzieher von Spock’s Beard, wieder seine Allstar-Combo mit Marillion-Bassist Pete Trewavas, Schlagzeug-Uhrwerk Mike Portnoy (Dream Theater) und Saitenartist Roine Stolt (Flower Kings) zusammentrommelte. In kürzester Zeit haben die virtuosen Vier eine extrem kurzweilige, entspannt klingende Retro-Prog-Wundertüte gefüllt, die nur aus einer 78-minütigen, in zwölf Parts unterteilten Suite besteht. Schon mit der wuchtigen ›Overture‹ und dem melodischen ›The Wind Blew Them All Away‹ machen sie klar, dass ihnen in ihrem Metier kaum einer das Wasser reichen kann, ›Out Of The Night‹ lebt von mehrstimmigen Chorsätzen, ›On The Prowl‹ erinnert an Prog-Legenden wie Gentle Giant, ›Rose Colored Glasses‹ oder ›Evermore‹ sind detailreich arrangierte Kleinode. Mike Portnoys variantenreiches, durch viele lässige Takt- und Tempowechsel geprägtes Spiel sowie Stolts kunstfertige Gitarrenarbeit sind die i-Tüpfelchen des spannenden Albums.

5
20.01.2010, Markus Baro
6
Durchschnittliche Leserwertung

Blanc Faces

Falling From The Moon

Frontiers Records

Im Koordinatennetz der Brillanz

Mit ihrem selbstbetitelten Debüt glückte den Brüdern Robbie und Brian La Blanc 2005 aus dem Stand die stärkste AOR-Veröffentlichung seit dem meisterlichen Zweitwerk von Pride Of Lions. Der Nachfolger ist nicht ganz so stark geworden — obwohl Falling From The Moon noch immer zu zwei Dritteln aus für dieses Genre ungewöhnlich hochwertiger Musik mit den Koordinaten Survivor, Foreigner und weit abgelegen auch Cher besteht. (Robbies Timbre klingt ganz latent nach der Dame.) Brillant produziert.

4
13.11.2009, Daniel Böhm
4
Durchschnittliche Leserwertung

H.E.A.T.

Address The Nation

Ear Music

Feuer unterm Hintern

Gleich mit ihrem selbstbetitelten Debüt setzten die jungen Schweden H.E.A.T im Jahr 2008 ein dickes Ausrufezeichen in der europäischen Hardrock- und AOR-Szene. Mit erstaunlicher Abgebrühtheit und kompositorischer Reife transportierten sie den Geist von Foreigner, Europe und Giant aus den Spätachtzigern in die Gegenwart. Nach dem Zweitwerk Freedom Rock (stilistisch variierter, aber nicht ganz so mitreißend) stieg überraschend Sänger Kenny Leckremo aus. Als Ersatz verpflichtete die Combo einen gewissen Erik Grönwall, der 2009 die Talentshow Swedish Idol gewonnen hatte. Eine Entscheidung, die auf den ersten Blick seltsam anmutete, zumal der 24-Jährige mit seinem Milchbubi-Gesicht optisch eher zu einer Boygroup passen würde. Doch zum einen zählt Grönwall zu seinen Favoriten Gruppen wie Queen, Kiss und Skid Row, zum anderen erweist er sich stimmlich als Glücksgriff.
Überhaupt ist das neue Album ein Volltreffer geworden: H.E.A.T klingen immer noch wie H.E.A.T und haben zudem so viel Feuer unterm Hintern wie nie. Näher als in ›Breakin’ The Silence‹ mit seinem mächtigen Kehrreim und den wuchtigen Gang-Vocals waren sie noch nicht am breitbeinigen Arena-Hardrock der Mittachtziger dran. Auch anderswo offenbaren die Burschen um Gitarren-Ass Eric Rivers ihre Liebe für eine Kapelle wie Bon Jovi erstmals deutlich: Die Keyboard-Licks in ›Downtown‹ erinnern an deren ›Only Lonely‹; noch offenkundiger — nicht zuletzt dank Grönwalls Gesangsphrasierung — schielt ›Heartbreaker‹ in Richtung New Jersey. ›In And Out Of Trouble‹? Davon träumen Mick Jones & Co. gemeinsam mit ihren Anhängern schon seit gefühlten hundert Jahren.
Die Qualität von H.E.A.T besteht darin, ihre zur Schau getragenen Einflüsse in eigene, nicht weniger zündende Ideen münden zu lassen, die eine aufrichtige und ansteckende Begeisterung für ihr Tun ausstrahlen und unmissverständlich klar machen: Das hier ist kein miefiges Studio-Projekt, sondern eine richtige Band mit vitalem Herzschlag!

Im Vergleich zu den beiden Vorgängern, die jeweils dreizehn Lieder enthielten, hat die Band inzwischen auch die Kunst des Verzichtens erlernt: Nur zehn Songs mit knapp vierzig Minuten Spielzeit bietet Address The Nation — aber da ist alles drin, was das Herz begehrt, und keine Sekunde vergeudet.

5
20.04.2012, Alexander Kolbe
5
Durchschnittliche Leserwertung

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