Reviews

The Union

The Union

Payola Music

Die bipolare Welt

Lange vor der Fertigstellung dieses Albums hatte Gitarrist Luke Morley bereits angekündigt, sein Kooperationsprojekt mit Sänger Pete Shoulder (von den englischen Bluesrockern Winterville und zudem Songschreiber für US-Blueser Little Milton und andere) würde stilistisch offener und abwechslungsreicher ausfallen als die Musik der britischen Traditions-Hardrocker Thunder, die er fast zwanzig Jahre lang als stilvoller Gitarrist mit hervorragenden Liedern bestückte.
Das stimmt insofern, als The Union im Grunde zweipolig musizieren. In den härteren Momenten erinnern sie wie selbstverständlich an schroffere Thunder mit Sound-Anlehnungen an Led Zeppelin. Weitaus gehaltvoller und mit echtem Esprit ausgestattet sind sie jedoch immer dann, wenn sie es ruhiger angehen und mit Blues, Folk, Soul und Country spielen wie in ›Saviour‹, ›Come Rain, Come Shine‹, dem Versprechen ›This Time Next Year‹ oder ›Lilies‹: In dieser Umgebung erst scheint sich Shoulder als extrem beseelter Sänger mit einem Timbre zwischen Chris Cornell, David Coverdale und Richie Kotzen richtig wohlzufühlen. Auch Morleys Beiträge gewinnen abseits ausgetretener Thunder-Pfade erst richtig an Gewicht. Unbedingt anhören: Das melancholische ›The Space Between Us‹.

3
15.04.2011, Daniel Böhm
4
Durchschnittliche Leserwertung

The Crystal Caravan

Against The Rising Tide

Transubstans

Retro-Tour durch Saigon

Der Opener ›We Always Lose‹ kann sich unmöglich auf die Band selbst beziehen, denn mit Against The Rising Tide können The Crystal Caravan nur gewinnen. Haben die Schweden bereits in Gestalt ihres selbstbetitelten Erstlings vor rund zwei Jahren einen ordentlichen Langspieler abgeliefert, so gelingt dem Septett mit seinem Zweitwerk der nächste Schritt hin zum Erfolg. Songs wie ›Love And Direction‹, ›Focus‹ oder ›Wrecking Ball‹ sind im Mutterboden der späten Sechziger verwurzelt, authentisch dargeboten und mit einem wunderbar warmen Sound ausgestattet. Dabei sind die verwendeten Elemente ganz sicher nicht neu. Vieles davon erinnert an die Doors oder Grand Funk Railroad. Kein Problem. Vor dem geistigen Auge sieht man Robin Williams noch einmal »Good Morning, Vietman« ins Mikro rufen und weiß spätestens jetzt, dass man im richtigen Film ist. Against The Rising Tide rockt, hat Seele und lädt zum Träumen ein. Mehr kann man von einem Album nicht verlangen.

5
15.04.2011, Peter Engelking
5
Durchschnittliche Leserwertung

Bad Company

Live In The UK, 2010, Wembley

Concert Live

Gediegenere Gesellschaft

Authentischer und ohne Nachbearbeitung veröffentlichter Mitschnitt des elften und letzten Konzerts, das Bad Compay 2010 am 11. April in Fast-Originalbesetzung in der Londoner Wembley-Arena gaben. Der 2006 verstorbene Buzz Burrell wurde durch Lynn Sorensen am Bass ersetzt; der bewährte Gitarrist Howard Leese unterstützt Mick Ralphs. Das limitiert erhältliche Triple-CD-Set macht den kürzlich veröffentlichten Mitschnitt Hard Rock Live erfreulicherweise nicht obsolet: Der hatte kurioserweise einen rauheren, etwas energischeren Charakter und enthielt auch das beim gediegeneren Wembley-Auftritt fehlende ›Rock Steady‹. Wie bei allen Mitschnitten des Labels Concert Live gilt: Was aus dem Mischpult kommt, wird hochprofessionell aber nahezu unbearbeitet auf CD gepresst. Das hat Charme und klingt authentisch, bedeutet aber auch den Verzicht auf Booklets oder vergleichbaren Luxus.

Daniel Böhm

0
15.04.2011, Daniel Böhm
4
Durchschnittliche Leserwertung

The Vegabonds

Dear Revolution

Just For Kicks

Temperament aus dem Süden

Diesem noch sehr jungen Sextett aus Alabama ist ein für sein Alter verblüffend reifes Southern-Rock-Album gelungen, das vor allem durch den Sänger und Hauptkomponisten Daniel Allen stark an die Black Crowes erinnert. In einem runden Dutzend eigener Stücke setzen die Südstaatler ihre Mittel nicht wahnsinnig originell, dafür aber sehr gekonnt ein. Die beiden Gitarristen Alex Cannon und Richard Forehand als Slide-Spezialisten ergänzen sich dabei hervorragend. Bei wiederholtem Hören der ebenso melodischen wie einfachen Songs entfaltet sich immer mehr das Temperament dahinter. In den entspanntesten Momenten wird beispielsweise auch The Band ins Gedächtnis gerufen. Die richtigen Knaller fehlen noch, aber alles in allem ist Dear Revolution ein beeindruckendes Debüt.

4
09.12.2010, Vincent Abbate
0
Durchschnittliche Leserwertung

Buddy Guy

Living Proof

Silvertone

Das Altenheim kann warten

Wie erklärt man das Phänomen Buddy Guy? Laut Kalender hat die Blueslegende schon vierundsiebzig Jahre auf dem Buckel. Er prahlt damit sogar im fetzigen Auftakt ›74 Years Young‹. Aber derart leidenschaftlich singt doch kein Mittsiebziger! Der da mit solch halsbrecherischer Hingabe in die Saiten greift — so etwas schafft auch der rüstigste Rentner nicht. Oder?

Doch. Stimme und Spielart verraten sofort, dass es nur Guy sein kann. Irgendwo in Chicago plätschert also ein Jungbrunnen. Vielleicht sogar im Inneren des von ihm betriebenen Blueslokals Legends, gut versteckt in einem Hinterzimmer, wo nur der Chef daran nippen kann. Das zu Fleisch gewordene Feuerwerk namens George Buddy Guy, Jahrgang 1936, schafft es, sämtliche Konkurrenten alt aussehen zu lassen.

Nach über fünfzig Jahren und Dutzenden von Platten wird der Veteran kaum damit anfangen, sich neu zu erfinden. Sondern er zeigt auf Living Proof erneut die Qualitäten, die ihn zur Ikone gemacht haben. Sein Hauptkollaborateur ist Songwriter und Produzent Tom Hambridge, der schon für Guys LP Skin Deep zuständig war und diesmal alle zwölf Titel mitgestaltet hat.

Die Songs sind stark und pendeln zwischen rebellischen Verkündigungen von ungebrochener Lebenslust (›On The Road‹, ›Living Proof‹) und nüchternen Reflexionen über die Realitäten des Älterwerdens (›Everybody’s Got To Go‹).

In die zweite Kategorie gehört auch das Duett mit B.B. King ›Stay Around A Little Longer‹, ein sentimentales, aber anrührendes vertrauliches Gespräch zwischen zwei Freunden.
Immer wieder beweist Buddy Guy ein ausgeprägtes Gespür dafür, wann er vom Gas runtergehen oder wann er sich voll reinhängen soll.

Er wehrt sich mit allen Mitteln dagegen, sich ins Heim für alte Bluesmänner abschieben zu lassen, und spricht stattdessen die gleiche, teilweise harsche Sprache seiner Jugend. Er ist — wie der Albumtitel andeutet und die Musik unterstreicht — ein lebender Beweis dafür, dass Intensität und Kraft nicht notwendigerweise eine Frage des Alters sind.

5
09.12.2010, Vincent Abbate
5
Durchschnittliche Leserwertung

Earl Greyhound

Suspicious Package

The Organisation

Überraschungen mit Überdruck

Das E-Piano-Intro von ›The Eyes Of Cassandra, Part I‹ lässt den Hörer kurz verschnaufen, ehe er mit wuchtigem John-Bonham-Groove in den Sessel genagelt wird. Das gemischte amerikanische Trio hat sein zweites Album mit einigen Überraschungen versehen. So wird das funkige, an Lenny Kravitz erinnernde ›Oye Vaya‹ mit metallischer Kante und flirrender Orgel angereichert, wie sie einst bei Santana zu hören war. ›Ghost And The Witness‹ recycelt mit seinen abgehackten Gitarrenriffs ›Whole Lotta Love‹, und das rockige ›Shotgun‹ würzen Earl Greyhound nach Art der Black Crowes mit einer Prise Soul und Rhythm’n’Blues. ›Holy Immortality‹ erinnert mit seiner melancholischen Grundstimmung dezent an die verblichenen Psychedelic-Blueser Junkhouse, und das anfangs balladeske ›Misty Morning‹ steigert sich zu einem wüsten Klanginferno. Retro-Rock mit gewaltigem Überdruck, der eigenständig und abgedreht klingt und immer neue Haken schlägt. Die Wurzeln reichen dabei zurück bis zu Led Zep, Sly & The Family Stone und Prog-Psychedelia.

4
10.09.2010, Markus Baro
6
Durchschnittliche Leserwertung

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