Reviews

H.E.A.T.

Address The Nation

Ear Music

Feuer unterm Hintern

Gleich mit ihrem selbstbetitelten Debüt setzten die jungen Schweden H.E.A.T im Jahr 2008 ein dickes Ausrufezeichen in der europäischen Hardrock- und AOR-Szene. Mit erstaunlicher Abgebrühtheit und kompositorischer Reife transportierten sie den Geist von Foreigner, Europe und Giant aus den Spätachtzigern in die Gegenwart. Nach dem Zweitwerk Freedom Rock (stilistisch variierter, aber nicht ganz so mitreißend) stieg überraschend Sänger Kenny Leckremo aus. Als Ersatz verpflichtete die Combo einen gewissen Erik Grönwall, der 2009 die Talentshow Swedish Idol gewonnen hatte. Eine Entscheidung, die auf den ersten Blick seltsam anmutete, zumal der 24-Jährige mit seinem Milchbubi-Gesicht optisch eher zu einer Boygroup passen würde. Doch zum einen zählt Grönwall zu seinen Favoriten Gruppen wie Queen, Kiss und Skid Row, zum anderen erweist er sich stimmlich als Glücksgriff.
Überhaupt ist das neue Album ein Volltreffer geworden: H.E.A.T klingen immer noch wie H.E.A.T und haben zudem so viel Feuer unterm Hintern wie nie. Näher als in ›Breakin’ The Silence‹ mit seinem mächtigen Kehrreim und den wuchtigen Gang-Vocals waren sie noch nicht am breitbeinigen Arena-Hardrock der Mittachtziger dran. Auch anderswo offenbaren die Burschen um Gitarren-Ass Eric Rivers ihre Liebe für eine Kapelle wie Bon Jovi erstmals deutlich: Die Keyboard-Licks in ›Downtown‹ erinnern an deren ›Only Lonely‹; noch offenkundiger — nicht zuletzt dank Grönwalls Gesangsphrasierung — schielt ›Heartbreaker‹ in Richtung New Jersey. ›In And Out Of Trouble‹? Davon träumen Mick Jones & Co. gemeinsam mit ihren Anhängern schon seit gefühlten hundert Jahren.
Die Qualität von H.E.A.T besteht darin, ihre zur Schau getragenen Einflüsse in eigene, nicht weniger zündende Ideen münden zu lassen, die eine aufrichtige und ansteckende Begeisterung für ihr Tun ausstrahlen und unmissverständlich klar machen: Das hier ist kein miefiges Studio-Projekt, sondern eine richtige Band mit vitalem Herzschlag!

Im Vergleich zu den beiden Vorgängern, die jeweils dreizehn Lieder enthielten, hat die Band inzwischen auch die Kunst des Verzichtens erlernt: Nur zehn Songs mit knapp vierzig Minuten Spielzeit bietet Address The Nation — aber da ist alles drin, was das Herz begehrt, und keine Sekunde vergeudet.

5
20.04.2012, Alexander Kolbe
5
Durchschnittliche Leserwertung

Fleetwood Mac

Preaching The Blues — In Concert 1971

Secret

Die Bühne tanzt

Nach der ominösen Flucht von Gitarrist Peter Green kämpften sich Fleetwood Mac zunächst als Quartett weiter. Kiln House (1970) ist bis heute eine der weniger populären Platten der früheren Bluesrock-Größe geblieben: ein Brückenwerk, auf dem die von Green zurückgelassenen Jeremy Spencer und Danny Kirwan (beide Gesang und Gitarre), Bassist John McVie und Schlagzeuger Mick Fleetwood mit Ideen aus Blues, Heavy-Rock und Country spielten und ihre musikalische Zukunft ertasteten.
Auf Platte wirkte das weitaus weniger aufregend als auf der Bühne, wie dieser Mitschnitt eines US-Konzerts von 1971 festhält, bei dem sich Fleetwood Mac immer wieder in ihr altes Blues-Repertoire zurückfallen lassen. Christine McVie ist als Sängerin inzwischen fest in die Band eingestiegen, das Sagen haben jedoch unüberhörbar Spencer und Kirwan: Sagenhaft, wie die beiden Gitarristen in Jam-Versionen von ›Station Man‹ oder dem göttlichen ›Purple Dancer‹ (die Rückseite der Single ›Dragonfly‹) interagieren — als hätte es die Studioaufnahmen von Kiln House nie gegeben.
Wenige Wochen nach den Aufnahmen gibt sich Slide-Gitarrist Spencer einer Sekte hin und setzt sich ab. Was wohl aus der Band geworden wäre, wenn dieses formidable Gitarristen-Doppel noch länger hätte zusammenbleiben können?

0
20.04.2012, Daniel Böhm

Louisiana Red

Back To The Black Bayou

Ruf

Retro mit Rums

Das in Hannover lebende Blues-Urgestein Iverson Minter alias Louisiana Red hat mit seinen mittlerweile 75 Jahren einen grandiosen Beweis seines Könnens vorgelegt. Sein neues Werk entstand in Norwegen mit Hilfe vieler eifriger Blueskenner und unter ursprünglichen, rein analogen Studiobedingungen. So was kommt häufiger bei Retro-Platten vor, allerdings findet man hier keinen ›Red Rooster‹ oder ›Hoochie Coochie Man‹ auf der Trackliste. Das Album lässt eigene Stücke von Red wieder aufleben, die ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben. Die neuen Versionen sind schlicht eine Offenbarung. Weil die Band ihn nahezu perfekt begleitet, legt sich der Sänger und Gitarrist richtig ins Zeug. Was dabei rauskommt, ist Nachkriegsblues in Reinkultur. Für Fans ein Muss.

5
27.02.2012, Vincent Abbate
5
Durchschnittliche Leserwertung

One Man’s Trash

History

H’art

Was Bryan nicht mehr bringt

Von der Vorab-Single (vorgestellt auf der Heft-CD in ROCKS 03/2011) bis zum fertigen Album war der Weg dann doch noch länger als geplant — Survivor-Sänger Jimi Jamison war zwischenzeitlich in ein gemeinsames Projekt mit Bobby Kimball eingespannt gewesen. History hält, was ›The Restless Kind‹ versprach und bietet geerdeten Mainstream-Rock im Stil der späten Achtziger, frühen Neunziger, den Bryan Adams schon lange nicht mehr zu liefern in der Lage ist. Unterhaltsam trotz des mysteriösen Schlager-Ausfalls ›Lose My Mind‹ und des dumpf wie stumpf klingenden Nichts in ›Out Of Control‹. Die Nummern kann selbst Jamisons Stimme nicht mehr retten.

3
16.02.2012, Sebastian Kuhlmann
4
Durchschnittliche Leserwertung

Night Ranger

Sonnenschein in allen Lebenslagen

Frontiers

Somewhere In California

Auch wenn die notorisch gut gelaunten Kalifornier in den ausklingenden Achtzigern und speziell mit ihrem Album-Comeback Feeding Off The Mojo (zunächst noch ohne Sänger und Bassist Jack Blades, der sich seiner Band 1996 erst ein Jahr später wieder anschloss) tendenziell immer härter wurden: Night Ranger haben in den vergangenen 30 Jahren nichts von ihrer Gabe verloren, aus jeder Lebenslage heraus treffsicher wie überzeugend die goldene Mitte aus von virtuosen Gitarren befeuertem Hardrock und sonnigem AOR zu finden.

Dass auf ihrer langen Reise dennoch kein Album wie ein Abziehbild des Vorgängers klang, ist der Combo hoch anzurechnen – auch wenn manch eingefleischter Anhänger der Frühphase trockengelegten Reifewerken wie Seven (mit allerhand an die Beatles und Cheap Trick angelehnten Harmonien) oder zuletzt Hole In The Sun skeptisch gegenübertrat. Das wird mit dem neuen Album kaum passieren, denn Somewhere In California klingt erfreulich unverkrampft nach Night Ranger der allerklassischsten Sorte.

Süffige Melodien, ausladende Chöre, Gitarrenduelle und Unisonoläufe, verspielte Arrangements dick produziert - tatsächlich verzahnen hier die Vorzüge ihrer selbst zu verantwortenden Genre-Klassiker Dawn Patrol (1982), Midnight Madness (1983) und Seven Wishes (1985) mit denen des erheblich kernigeren Man In Motion (1988). Als Zeichen der altersbedingten Läuterung schlägt sogar immer mal wieder Seven (1998) mit durch. Ein melodisches Hardrock-Schmankerl mit Bodenhaftung also, das zwar von den Achtzigern gespeist wird, Sound-Schrullen dieses bunten Jahrzehnts aber rigoros außen vor lässt.

Punktuelle Längen? Geschenkt, bei so viel Sonnenschein. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen – zumal Zweit-Gitarrist Jeff Watson durch Strahlemann Joel Hoekstra ersetzt wurde und die Keyboards in Eric Levy mal wieder jemand anderes bedient.

4
11.08.2011, Daniel Böhm
5
Durchschnittliche Leserwertung

Gwyn Ashton

Two-Man Blues Army

Cadiz Music

Filigran & furios im Rausch

Einen stärker von Rory Gallagher beeinflussten Gitarristen als den Australier Gwyn Ashton wird man kaum finden. Das ist in der Welt des Bluesrock hinlänglich bekannt und auf seinem hervorragenden letzten Studiowerk Prohibition (2007) besonders eindrücklich belegt.
Damals ließ sich der begnadete Slide-Gitarrist von Chris Glen und Ted McKenna im Trio begleiten (beides Mitglieder der Sensational Alex Harvey Band).

Heute hat der gebürtige Waliser ganz andere Flausen im Kopf. Two-Man Blues Army heißt sein fünftes Album - und genau danach klingt es auch. Aus dem fulminanten Power-Trio ist ein Power-Duo geworden; Ashtons einziger Mitstreiter ist derzeit Schlagzeuger Dave Small. Wie gut harscher, von Slide-Gitarren dominierter Blues auch ohne die Kraft unterstützender Bassläufe funktionieren kann, hat in den fünfziger Jahren bereits der unnachahmliche Hound Dog Taylor mit seiner sagenhaft kompromisslosen Mini-Band demonstriert: ein Vorreiter, der unüberhörbare Spuren auf Two-Man Blues Army hinterlassen hat — wenngleich Ashtons Musik freilich um einiges filigraner geraten ist.

Nach dem stürmischen Instrumental-Auftakt ›Meltdown At The Ho‹ geht es im schwer groovenden ›Break‹ und im ›Million Dollar Blues‹ (hat etwas von Michael Katon) geradezu songdienlich weiter. Robert Johnsons ›Cross Road Blues‹ wird in bester Billy-Gibbons-Manier komplett umgekrempelt und von einem furiosen Solo der Mundharmonika verziert, ›Mad Dog‹ kratzt wild an der Tür zum Blues-Punk, und in ›Ain’t Nobody’s Fool‹ oder im ›Outside Woman Blues‹ (im Original von Blind Willie Reynolds) schimmern immer wieder Jimi Hendrix und Johnny Winter durch.

Two-Man Blues Army ist ein famoses Garage-Bluesrock-Album eines famosen Gitarristen geworden, das stärker nach einem fühlbaren Live-Rausch klingt, als es heute viele Konzerte tun. Effektiver und packender kann Musik mit Lo-Fi-Ansatz nicht funktionieren.

4
27.04.2011, Daniel Böhm
0
Durchschnittliche Leserwertung

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